Ein Leuchtturm. Orientierung im Unbekannten, Ambivalenten, Paradoxen. Sinnbild wegweisender Literatur, langbärtiger Weisheiten und erhobener Zeigefinger. Ein invertierter Leuchtturm: Aus- und Aufbruch. Hinein ins Nebelweiß zwischen den Zeilen – fernab blendender Gewissheiten, die sich als Irrlichter entpuppen mögen.

Neben dem Schreiben arbeite ich als Unternehmensberater und Medienforscher, was im Kern je darauf hinausläuft, durch systematische Analysen Klarheit zu liefern. Literatur fängt für mich an, wo Systeme an ihre Grenzen stoßen. Ich mag die Art von kreativer Spekulation, die ehedem vielleicht in Mystik oder Alchemie möglich gewesen wäre. Wohin führt es, wenn man sich auf den Sog des Irrationalen einlässt und dabei nicht aufhört zu denken? Wenn man die Unterwelt betritt und sein Gehirn nicht im Foyer abgibt?

Was mich als Leser wie Autor reizt, sind Schiffbruchgeschichten, Axtgeschichten, Tauchfahrten in existenzielle Abgründe und Leerstellen: mit Neugier statt Betroffenheit. Schreiben ist für mich ein Laboratorium zur Erkundung des Absurden. Nicht, um dagegen zu revoltieren (und dabei selbst absurd zu werden), sondern um damit zu spielen.

Das macht Literatur zur Denkmaschine: Ein gelungener Text ermöglicht eine subjektive Auseinandersetzung mit seinem Kernproblem. Figuren, Handlungen und Ansichten sind Vorschläge. Experimente, die scheitern dürfen und die man ablehnen kann. Ich mag Gedankenspiele mit Risiko – wenn Erzählen didaktisch wird, geht das verloren. 

Ausgangspunkt dieser Art zu schreiben ist stets ein Hauch von Grauen, ein fundamentales Schaudern, irgendein Zweifel, dessen Wurzeln sich tiefer abwärts winden, als man zu graben bereit ist (das unterscheidet Literatur von Psychoanalyse: Man legt selbst den Einsatz fest). Denken ist eine Erfahrung, ein körperlicher Prozess; Körper aber sind verletzlich, wenn nicht gar sterblich. Hysterie als produktiver Zustand. Realistische Literatur tendiert dazu, das Unbehagen unbekleidet auszustellen. Phantastik umgeht derartigen Exhibitionismus, indem sie dem Schrecken Masken gibt (Monster, Morde, Mutationen).

Symbolismus als Verfremdungseffekt; Verfremdung macht Komplexität (an-)greifbar. Im Optimalfall entsteht so ein barrierearmes Interface, eine Projektionsfläche für Lesende, um in die Denkmaschine eigene Fragen einzuspeisen, eigene Erfahrungen mit derselben Urangst, die am Ende der Wurzel nagt (Zombies bedeuten schleichendes Grauen: Das kann sowohl der Klimawandel sein als auch die nahende Insolvenz, die mögliche Affäre des Partners oder die verdrängte Portion Fertignahrung ganz hinten im Kühlschrank).

Nun fällt gerade bei Kinotrailern für phantastische Blockbuster allzu häufig der Satz “Was würdest du tun?” (wenn eine Zombie-Seuche ausbricht / wenn Außerirdische dein Gehirn in ein Meerschwein verpflanzen / wenn ein magnetischer Serienkiller hinter dir her wäre / … ). Die Antwort der auf die Leinwand gestrahlten Leute läuft meist darauf hinaus, viel zu schreien und auch viel herumzulaufen und um ihr Leben zu kämpfen, bis sie am Ende den Verstand verlieren (Lovecraft-Adaption) oder – oft mehr oder minder unverschuldet – eine überraschende Lösung für das Problem finden (Hollywood). Der Projektor brennt durch oder entpuppt sich als versteckter Leuchtturm.

Mich interessieren Erzählungen, die neben Stimulation und Action den nötigen Spielraum für ernsthafte Reflexion bieten: für das Spiel mit der Frage, was man tatsächlich tun würde oder könnte. Phantastik als Zündstoff für Faszination, als Rahmen für unbefangene Spekulation, die potenziell über sich selbst hinausweist. Wenn Relevanz und Spektakel sich gegenseitig befeuern, wird Imagination produktiv (Brennholz für den Möglichkeitssinn). Einerseits kritisches Denken (Holzfällen im Verstand) andererseits Inspiration (Neupflanzung und Gartenbau), bestenfalls rekursiv.

Eine richtig gute Geschichte ist für mich ein Cocktail aus kontemplativer Trance und urtümlichem Grauen. Meine Bücher kombinieren Erkenntnisprosa mit surrealem Horror. Hybriden aus Essay und Fiebertraum. Philosophie in der Geisterbahn.

Wir leben in einer Zeit dicker Nebel, aufziehender Stürme und wahnsinniger Leuchtturmwärter. Ich schreibe für alle, die sich in der zerbrochenen Welt des 21. Jahrhunderts fragen, welche Rolle(n) man noch spielen kann. Für Menschen, die Lesen als Denkmaschine nutzen und lieber phantastisches Treibholz ergreifen als Lethargie mit Realismus zu verwechseln.

Wer Gänsehaut abseits von Doomsurfing und Eskapismus sucht, ist herzlich eingeladen. Auf dem Menü stehen reanimierte Mammuts, heidnischer Raubmord, Moorleichenfuturismus, Unsterblichkeit als soziales Stigma und weitere Spezialitäten. Zur theoretischen Würze empfehle ich die Fachtexte. Sie finden das ganze Buffet unter Projekte.