Kurzgeschichte: Das Monstrum (nebst Spenden-Aufruf)

Vorrede: Der Saure Hering

Hier bekommen Sie meine Kurzgeschichte Das Monstrum – unzensiert in voller Länge. Geschrieben habe ich sie während einer Zugfahrt, von Halle nach Chemnitz. Auf Karopapier. Ich erinnere mich an Platschregen, die Schlammwüsten abgeernteter Felder sowie ein kreischendes Baby im Abteil nebenan. Damit möchte ich nichts rechtfertigen. Wider Erwarten kam es bald zur Veröffentlichung: als eines von fünf Prosastücken prämiert beim Wettbewerb Poet Bewegt 2017. Neben einer Lesung beim Wettbewerbsfinale im Schauspielhaus Chemnitz – der „Literatur Arena“ – erschien Das Monstrum in der zugehörigen Anthologie: limitiert gedruckt und längst vergriffen. Zum literarischen Gladiator berufen zu werden, kam für mich einigermaßen überraschend – die Jury plädierte seinerzeit wie folgt:

„Der Text ist der saure Hering unter den Beiträgen. Und das ist ein Kompliment: sauer macht lustig.“

Laudatio der Juroren (hier in voller Länger)

Das obige inoffizielle Titelbild entstammt der Feder des begnadeten Illustrators Aerozopher: Resultat einer künstlerischen Zusammenarbeit infolge unserer Begegnung während der COMIC CON STUTTGART, auf der wir beide als Aussteller vertreten waren. Die Idee bestand darin, Das Monstrum im Stil einschlägiger Pulp-Magazine wie Black Mask oder Weird Tales in Szene zu setzen.

Falls Sie lieber hören als lesen, gibt es mittlerweile auch eine Hörspiel-Fassung auf Youtube, vertont von Simons-Fiction:

+++++ SPOILERWARNUNG +++++

Wenn Sie noch weiter nach unten scrollen und Das Monstrum vollständig lesen
(oder sich die Audio-Version anhören), erfahren Sie, wie die Geschichte endet!

+++++ ENDE DER SPOILERWARNUNG +++++

Hauptteil: Das Monstrum

Arktischer Sommer. Darüber hinaus sind Zeit und Ort nicht von Belang. Eine Zukunft existiert nicht mehr für mich, was hinter mir liegt, ist verloren. Es kann mich weder retten noch bietet es mir Trost.

Den Namen, den ich trug, muss ich nicht nennen, denn Namen verlieren in der Isolation jeden Wert. Wirklichkeit ist das, was man erfahren kann und auf mich wartet nur noch das gleichgültige Zwielicht des Nordens. Meine ganze Welt ist auf die Ödnis reduziert. Auf die Ödnis und das nahende Monstrum. Ich schreibe diese Worte in den letzten Stunden nieder, die mir bleiben. Mit dem Kopf einer Spitzhacke ritze ich sie ins Gestein der Klippe, neben der sich meine Jagdhütte erhebt.

Narben im freiliegenden Gebein der Tundra.

Mein Ziel ist nicht, dass sie gefunden werden. Ich will kein neues Band knüpfen zwischen der Menschheit und mir.

Ich will etwas erschaffen, bevor ich mich dem Ende stelle, will mir ein Mahnmal setzen, das die geistlose Wildnis überragt. Mit dem Akt der Schöpfung erhebe ich mein Dasein aus dem Nichts.

Ich wurde Jäger, nachdem ich alles verloren hatte. Wohlstand, Bildung und Kultur ließ ich für immer hinter mir, um der Schande zu entgehen. In der Einsamkeit des Polarkreises suchte ich Freiheit. Die Winter spülte ich mit Whisky fort, die Sommer verbrachte ich mit dem Töten von Eisfüchsen und Robben. Mein höchstes Ziel war Beute. Pelze, Fleisch und dergleichen. Doch selbst die Hoffnung auf schäbigen Gewinn ist nun dahin.

Bei Schneeschmelze begaben wir uns in die Jagdgründe der Einöde. Ich und zwei weitere Fangstmänner.

Harter Abschaum, verbunden durch unseren Überlebenswillen. Wir prüften die Fallen, welche wir in einem riesigen Gebiet um unsre Hütte herum verteilt hatten, da stießen wir auf unseren Untergang.

Etwas Fahles überragte die gefrorene Schmutzkruste.

Ein krummer Dorn, der kein Baum war. Ihn zu betrachten, hielten wir den Hundeschlitten an. Weder bestand er aus Holz, noch konnte es sich um Stein handeln. Gestank lag in der Luft. Mir kam Elfenbein in den Sinn, doch es war bereits zu spät. Ein knochenloses Ding schnellte empor und packte einen der anderen. Wie eine aufgedunsene Anakonda umschlang es seinen Hals, riss ihn empor und spießte ihn auf das Horn. Wir begannen zu rennen, als der Boden barst. Etwas bäumte sich dort unten auf, grollend und gewaltig. Mit entsetzlicher Kraft brach es empor und brüllte dem Himmel seinen Hass entgegen. Ein fauliger Koloss, größer als der größte Polarbär. Eine zottige Abscheulichkeit, ein Mastodon aus undenkbarer Vorzeit. Ganze Erdzeitalter muss es im Permafrostgelauert haben, ein totes Kind im kalten Mutterleib des Tundraschlamms. Erweckt von schierer Bösartigkeit und dem Willen zu vernichten griff es uns an. Sein peitschender Rüssel grabschte nach mir, doch ich warf mich rechtzeitig nieder. Mein Jagdgefährte hatte weniger Erfolg. Der zweite Stoßzahn der Bestie rammte sich durch seinen Brustkorb und brachte ihn augenblicklich um. Die Hölle selbst schien entfesselt.

Ich weiß nicht mehr, wie ich entkam. Irgendwie erreichte ich den Schlitten und die panischen Hunde zerrten mich fort. Ein verhängnisvoller Blick über die Schulter bestätigte, dass die Kreatur meine Verfolgung aufnahm. Halb wahnsinnig peitschte ich die Hunde zu Tode und verschaffte mir einen Vorsprung vor dem Ende. Sie brachten mich fast bis zur Hütte, doch schließlich brachen sie zusammen, als Erschöpfung ihre Treue überstieg. In geifernder Verzweiflung erreichte ich mein Ziel zu Fuß, doch von hier gibt es kein Entkommen. Die Zivilisation ist Wochen der Reise entfernt. Ohne den Schlitten ist es unmöglich, hinreichend Vorräte zu transportieren. Wenn mich die Kälte nicht holte, so täte es der Hunger.

Wie lange ich mit meiner Angst allein war, ist unmöglich zu bestimmen. Die Sonne hockt als Geisterschemen am trüben Horizont und es gibt weder Tagnoch Nacht. Bar jeden Auswegs harrte ich aus, schlaflos, hilflos, hoffnungslos. Pausenlos dachte ich an das Leichenmammut und fiebriger Todeswahn zerfraß mir den Verstand. Vor meinem geistigen Auge konnte ich es sehen, sah es unaufhaltsam vorwärtsstapfen durch das weite leere Land. In meinen Ohren pochten seine nahenden Schritte, donnernd in der Ebene aus Schlick und Schnee. Mir war klar, dass es mich restlos zerstören würde. Acht Tonnen verwesenden Fleisches kommen, um jeden Teil von mir zu zerfetzen und zu zertrampeln. Doch es dauerte lange, bis ich tatsächlich begriff, was das bedeutet. Als ich endgültig verstand, durchströmte mich eine Entschlossenheit, wie ich sie nie gekannt hatte. Ich wurde mir meiner Existenz deutlicher bewusst als je zuvor. Endlich verstand ich, was es heißt, wirklich zu leben. Erst jetzt hörte ich wahrhaft auf, davonzulaufen. Ich konstruierte eine Waffe für den bevorstehenden Kampf. Einen schlichten aber effektiven Speer, ein Werkzeug,mit demich meine Gewalt der Gewalt des rasenden Geschöpfs entgegenschmettern werde. Dann brannte ich die Hütte nieder und begann, mein Vermächtnis in den Fels zu kratzen.

Mein Körper wird zugrunde gehen, doch von dem Wirrwarr aus Gefühlen, Wünschen und Ideen, das in ihm lebt, wird etwas fortbestehen. Was ist der Mensch anderes als seine Gedanken und dieser Text sonst als mein Gespenst?

Schon sehe ich die Kreatur in der Ferne.

Die Kadaver meiner Kumpane hängen noch immer an den Hauern, schaukeln hin und her bei jedem Schritt. Ein Schwarm dunkler Aasvögel kreist über der wankenden Masse aus Fäulnis, die nicht leben sollte und es dennoch tut.

Ihr Hunger nach der Quelle des Grabesdampfes lässt sie irrsinnig kreischen. Im grauen Nieselregenschreibe ich diese letzten Zeilen. Ich bin gänzlich im Hier und Jetzt angekommen. Ich bin mehr Menschals je zuvor. Das Monstrum ist beinahe hier.

Und ein Monstrum wird sich ihm stellen.

Nachwort: „Wahre Begebenheiten“

Es klappern die Zähne, es schlottern die Knie? Völlig zurecht! Wähnen Sie sich nicht vorschnell in Sicherheit: mumifizierte Wollhaarmammuts sind handfeste Realität. Mehrere Dutzend sind der Wissenschaft zugänglich, besonders in Sibirien sollte man aufpassen, wohin man tritt. Genau wie der beliebte Ötzi aus Tirol sind sie das Resultat natürlicher Gefriertrocknung. Die Metamorphose vom Mammut zur Mumie muss man sich so vorstellen: nichts ahnend betritt ein Dickhäuter dünnes Eis, bricht ein und trocknet dann unter Luftabschluss aus. Im Pleistozän das Natürlichste auf der Welt. Bis heute konserviert neigen gleichwohl die wenigsten Exemplare dazu, aus eigener Kraft hervorzubrechen, häufiger lassen sie sich beispielsweise von Erdrutschen zutage fördern. Es sind eben reichlich passive Daseinsformen. Erst einmal freigelegt sind manche dennoch derart gut erhalten, dass Wölfe, Füchse und vergleichbares Getier mit Fraßabsicht über das Fleisch herfallen, über Organe und sogar das (offenbar für Wolfsverhältnisse) noch genießbare Blut. Auch bei oberflächlicher Betrachtung wird also deutlich, dass es sich bei Mumienmammuts um ziemlich verstörende groteske Dinger handelt, dem Anschein nach direkt entfleucht aus dem Gehirn von Zdzisław Beksiński, H.R. Giger oder Joseph Beuys.

Aber lassen Sie sich nicht abschrecken. (Un)Tote Mammuts stellen eine Gelgenheit dar, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Ja, Sie haben richtig gehört. Die Sache mit dem CO2. Und das ist fast enttäuschend simpel. Wie Ihnen vermutlich bekannt ist, stellt das Auftauen des sibirischen Permafrostbodens eine enorme Gefahr dar. Im gefrorenen Untergrund lagern Unmengen an prähistorischer Biomasse – z.B. eben tote Mammuts. Hinzu kommen lethargische Bakterien, die bei höheren Temperaturen munter werden und anfangen, die Biomasse zu zersetzen. Dadurch widerum würden absurde Massen an Methan und CO2 frei – mehr Treibhausgas, als unsere Spezies mit vereinter Anstrengung in den vergangenen 100 Jahren selbst hat ausstoßen können. Stellen Sie sich vor, was das heißt: Kevin Costner muss Eigenurin destillieren, damit er auf seinem Floß was zu trinken hat.

Jedoch: Was tun? Laut dem Geophysiker Sergej Zimov wäre wohl am wirksamsten, die wärmende Schneedecke abzutragen, die sich im Winter ansammelt und verhindert, dass der Boden möglichst stark gefriert. Gewiss ist illusorisch, die unausdenklichen Weiten Sibiriens von Hand freizuschippen (bzw. den Schnee festzustampfen). Maschinen einzusetzen ist kaum weniger ausweglos – und würde seinerseits bizarr viel Energie verbrauchen. Stattdessen setzt Zimov darauf, die Megafauna des Pleistozäns (2.588 Millionen Jahre bis ca. 11.700 Jahre vor der Scheidung von Prinz Harry und Herzhogin Meghan) wiederherzustellen. Moschusochsen, Rentiere, Wildpferde, Bisons – und ja, Sie ahnen es, Mammuts. Das gefräßige Herumwandern dieser Kreaturen erzeugt auf Dauer ein Ökosystem, das treffend als „Mammutsteppe“ bekannt ist: weitgehend baum- und Schneefreie Einöden voll Steppengras und Tundrakraut.

Mit dem ambitionierten Ziel, einst ganz Sibirien in die Eiszeit zurückzuschicken, hat Zimov Ende der 80er/Anfang der 90er ein Modellprojekt im Nordosten Russlands gestartet: den Pleistozän-Park. Das Vorhaben dauert bis heute an – bislang noch ohne Mammuts. Doch so phantasmagorisch der Gedanke anmutet: dabei muss es nicht bleiben. Gemeinsam mit dem Startup Colossal (eine Ausgründung von Harvard) arbeiten die Mitarbeiter des Pleistozän-Parks darauf hin, eine Generation einsatzfähiger Mastodonten zu züchten. Ja: tatsächlich. Terraforming mit geklonten Urweltbiestern. Streng genommen keine authentischen Mammuts, sondern genveränderte Hybriden aus zeitgemäßen Elefanten und dem Erbgut von Mumien-Mammuts. De-Facto-Mammuts, wenn Sie so möchten. Die einzige bekannte Methode, der Permafrostschmelze mit vergleichsweise natürlichen Methoden beizukommen. Erfolgsaussichten: gering. Gleichwohl ein wunderbar megalomanisches Unterfangen – und vermutlich einer der unterhaltsamsten Ansätze, (neben der obligatorischen Reduktion der CO2-Produktion) etwas gegen den Kollaps von Natur, Kultur und allem dazwischen zu unternehmen.

In diesem Sinne wäre die Reanimation von Mammuts durchaus zu begrüßen: wenn nicht tot bleibt, was ewig liegt. Betrachten Sie Das Monstrum also mit gesunder Distanz. Falls Sie noch immer nicht genug vom Thema haben, finden Sie hier eine höchst bildgewaltige Arte-Doku zum Pleistozän-Park:

Sie haben bis hier unten gelesen, sind restlos begeistert und möchten mir einen Kaffee spendieren? Aus alter Gewohnheit, weil Sie im Labyrinth des Internets allenthalben darum gebeten werden? Bitte nicht. Haben Sie Vertrauen, ich trinke genügend Kaffee. Und lege wirklich keinen Wert darauf, mir ein Auskommen als Influencer zu erwirtschaften. Lassen Sie Ihr Erspartes lieber einem nützlichen Projekt wie dem Pleistozän-Projekt zugute kommen, ich würde mich freuen, ein genmanipuliertes Mammutkalb im Fernsehen zu beobachten. Dazu können Sie HIER beitragen. Jederzeit. Die Sache lohnt sich: als Spender:in dürfen auch Sie dieses schicke Logo im eigenen Internetauftritt verwenden:


Robert Boehm, Leipzig, 12.01.2022. Letzte Revision am 21.01.2022.

Bildquellen: Pixabay.com, Wikimedia Commons, Konstantinos Poupakis, eigene Abbildungen

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