Am 10. Mai 2025 habe ich am „Science MashUp“ teilgenommen – der Fachtagung im Rahmen der Langen Nacht der Computerspiele an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzik. Thema des Symposiums war „Games und Bücher“, der Titel meines Vortrags lautete „Vom Unzuverlässigen Erzähler zum unzuverlässigen Avatar: Die Invertierung ludonarrativer Dissonanz am Beispiel von ECHO“. Ich habe über Spezialformen von unzuverlässigem Erzählen in Videospielen gesprochen – anhand des famosen Spiels ECHO. Ebenfalls ging es darum, inwiefern diese auf konventionelle Literatur in linearer Textform übertragbar wären. Die folgene Kurzgeschichte „MorgenGrauen“ entspricht einem praktischen Experiment in diesem Sinne:


“Ich lese eine Geschichte” stand da in sauberen Druckbuchstaben, „und sie wird böse enden“ dachte ich, klappte das Buch zu und den Mantelkragen hoch. Einer dieser vergessenen Bahnhöfe, an denen nur wenige um- und noch weniger aussteigen. Nacht, Herbst, Nebel. Ab und zu ein Käuzchenschrei.
Einsam hatte das Buch auf dem Asphalt gelegen, umschwirrt von Motten im Laternenschein. Wie weggeworfen, aufgeweicht. Doch bei fünf Stunden Aufenthalt hat man nicht viel zu verlieren. Es gab hier kein Hotel und keine Kneipe. Nicht mal eine Stadt gab es, nur einen Fußweg, der vom Bahnhof in den Wald führte. Und einen gurgelnden Fluss, den man im Dunkeln aber nicht sah.
MorgenGrauen prangte auf dem Einband des Schriftstücks. Nach Lesen war mir nicht zumute, die Nebelschwaden wollte ich aber auch nicht zählen. Ich öffnete den Mund zum Gähnen und verschluckte mich, als plötzlich Schritte hallten. Im Dunst flackerte eine Silhouette, nahm Form an und gerann zu einer Frau. Sie trug einen knallgelben Regenmantel und kam schnurstracks auf mich zu. Wie gottverdammt schön sie unter der Kapuze war, erkannte ich erst, als sie in den Schein der Laterne trat.
„Wusste gar nicht, dass noch jemand hier ist“ grüßte ich nett.
„Wir haben keine Zeit für sowas. Schmeiß das Buch weg.“
Ich warf einen Blick auf den Band in meinen Händen.
„Nicht du.“
„Wer sonst?“
„Der Leser.“ Schön aber bekloppt. Wie Süßgebäck mit Senf drin.
Ich runzelte die Stirn. „Das ist der totale Schwachsinn.“
„Na fein, das klingt idiotisch, ganz egal, wie ich es formuliere.“
„Versuchen Sie ihr Glück.“
Sie sah auf ihre Armbanduhr und seufzte. „Ich bin eine literarische Figur und du auch. Und das hier ist eine Horrorstory.“
„Sie sind doch nicht bei Trost.“
„Was nicht heißt, dass ich unrecht habe.“
„Fühlt sich mehr wie ’ne Komödie an.“ Ich grinste schief. „Oder der Anfang eines Krimis aus den ’50ern.“
Sie gab mir eine Ohrfeige. Keine sanfte, sondern fest, so richtig schmerzhaft. Mit einem Mal bemerkte ich etwas wie Angst in ihren Augen. „Mein Leben hat gerade erst begonnen und es soll nicht gleich schon wieder enden!“
Perplex ging ich ein Stück auf Abstand, hob die Hände zur Beschwichtigung. „Also schön, wie meinen Sie das? Erklären Sie’s mir.“
„Das hier, diese Nacht am Bahnhof, ist die erste Szene, die du und ich wirklich erleben. Der Anfang der Geschichte. Alles davor ist Illusion.“
War sie in einer Sekte? Vielleicht hätte ich diesen Moment als Anlass nehmen und einfach gehen sollen, doch sie wirkte nüchtern und sehr ernst auf mich und ich blieb.
„Sie behaupten also…“
„Ließ den Anfang des Buchs dort.“
Ich sah sie skeptisch an, doch sie nickte mir entschlossen zu und so tat ich ihr den Gefallen. Schon beim ersten Satz wurde mir unwohl. Sofern ich mich nicht mächtig täuschte, stand dort, was ich tatsächlich gedacht hatte. Ich überflog die nächsten Zeilen und mein Unwohlsein wuchs sich zur Panik aus, als ich dort Wort für Wort unseres gerade geführten Gesprächs vorfand. Bei „Sie behaupten also…“ hörte ich auf. Inzwischen hatte der Wind aufgefrischt und eisiger Sprühregen trieb mit im Nebel.
„Sehen Sie? Wir stecken in einer Erzählung.“
Ich merkte, dass ich zitterte.
„Und wie ich sagte, es ist ein Horrorstück.“
Mir wurde schwindelig und ich suchte Halt an der Laterne.
„Am Ende taucht ein Monstrum auf und bringt uns um, erst dich und dann mich.“
„Das ist doch … woher wollen Sie das denn wissen? Wenn Sie eine literarische Figur sind?“
„Ich bin…“, sie dachte einen Moment nach, „erleuchtet in gewisser Weise. Dass ich diese Dinge weiß, ist Teil meiner Rolle, weil ich so geschrieben wurde. Das ist … bin ich, wenn du so willst. Das macht mich aus.“
Das war verrückt. Absolut hirnrissig. Aber da lag dieses Buch in meinen Händen und mir kam ein seltsamer Gedanke.
„Wenn wir bloß Figuren sind, die jemand erfunden hat, dann ist doch ohnehin schon klar, wie das hier ausgeht. Wenn das hier Horror ist, sind wir schon tot und haben auch nie gelebt.“ Beim Sprechen zog sich mein Gedärm zusammen, wie Würgeschlangen, die versuchten, sich gegenseitig die Luft abzupressen.
Sie schüttelte den Kopf. „Das siehst du falsch. Wir leben in eben diesem Moment.“
„Nicht, wenn wir Tinte auf Papier sind.“ Abrupt erlangte ich die Fassung wieder. Was sie behauptete, ergab einfach keinen Sinn, selbst das Buch konnte sie hier platziert und das Gespräch gezielt gelenkt haben. „Ich denke, also bin ich und so weiter. Vor allem fühle ich etwas, zum Beispiel wie beschissen kalt es hier ist, und das wär jawohl kaum der Fall, wenn ich nur Druckerschwärze wär.“ erklärte ich mit schiefem Lächeln, lies von der Laterne ab und fing an, langsam um sie rum zu gehen. So abwegig das auch war, immerhin war es interessanter, als bei Nacht ins Nichts zu starren.
Sie sah schon wieder auf die Uhr. Ein Sorgenfältchen trat auf ihre Stirn. „Wir sind mehr als Tinte. Zwar keine Menschen, aber menschlich. Halbgeschöpfe, wenn du so willst, Gewächse aus Gewebe im Gehirn des Lesers, die sich zusammen ein Bewusstsein teilen. Synapsenkraken. Neuronale Gespenster. Embryonen. Wir fühlen nur durch Empathie – aber wir fühlen.“
Ich setzte zu einer Antwort an, doch sie legte energisch nach und gestikulierte wie ein Zirkusdirektor: „Das alles hier ist organisch. Der Bahnsteig, die Bäume, der Fluss und das Buch da. Stücke aus Fleisch, die träumen, sie wären etwas anderes. Wir atmen keine Luft, sondern den Sauerstoff im Blut, das um uns strömt. Aber, um zum eigentlichen Punkt zu kommen, auch wir können aufhören zu atmen. Sterben. Einander verschlingen. Die Bestie ist auf die gleiche Art real, wie wir es sind.“
„Müssten wir nicht für jeden Leser anders aussehen?“
„Ist doch schnuppe! Du und ich mein Freund, wir leben einzig und allein in diesem Leser, und wie er sich die Geschichte vorstellt ist die einzige Wirklichkeit, die wir kriegen!“ Sie deutete mit zwei Fingern auf ihre Schläfe, so als hielte sie sich eine Pistole an den Kopf. „Diese Kapuze hier ist gelb und gelb ist keine Information aus vier verdammten Buchstaben, sondern eine subjektive Tatsache!“
Ich sah mich zunehmend darin bestärkt, über die Phantasien eines labilen Geistes zu debattieren, doch die Sache faszinierte mich.
„Was, wenn der Leser eine Frau ist?“
„Was, wenn du eine Frau bist? Oder ein Mann? Der Leser ist eine literarische Figur, genau wie wir.“
„Das kauf ich dir echt nicht ab.“
Sie rang nach Worten und machte dabei etwas unbeholfene Gesten. „Du … er ist … auch eine literarische Figur. Wie … eine Maske für eine Maske, für die wir weitere Masken sind. Aber wie er sich entscheidet, steht nicht fest auf dem Papier! Er kann uns retten!“
„Aha. Und warum sagst du ihm das nicht einfach selbst? Ist ja nicht meine Entscheidung!“
„Du bist der Ich-Erzähler! So etwas wie sein Avatar, die Schriftwerdung des lesenden Geistes! Er sieht und hört allein, was du sehen kannst und was du hörst!“
„Das würde ja bedeuten…“
„Hör einfach zu.“ unterbrach sie mich und warf abermals einen Blick auf die Uhr. „Wir haben nur noch 367 Wörter bis das Monster kommt.“
„Wie bitte?“
„Sieh selbst!“ Und damit streckte sie mir ihr Handgelenk entgegen, an dem eine Art Digitaluhr befestigt war. Was auch immer sie zeigte: die Normzeit der Bahnhofsuhr über uns war es ganz sicher nicht. Bestenfalls deren blinder Fleck.
„322?“ las ich skeptisch und die Anzeige zählte runter auf 312.
„Soll das heißen…“ Ich öffnete das Buch und suchte blätternd nach der Stelle, an der wir uns befinden mochten, sofern die Schilderung überhaupt noch zutraf.
Energisch riss sie es aus meinen Händen. „Ist doch egal, der Punkt ist, dass wir keine Zeit haben! Und wenn du aus Versehen das Ende aufschlägst, tritt es ein! Hör endlich auf zu lesen!“ Den letzten Satz hatte sie flehentlich zum wabernden Nebel gesprochen.
„Woher weißt du denn, dass er noch liest?“
„Die Anzeige würde ausgehen oder stehen bleiben.“ Wieder wandte sie sich dem Nebel zu. „Solange du aber weiterliest, um zu erfahren, ob das passiert, passiert es ganz bestimmt nicht!“
205 blinkte auf dem Ziffernblatt. 200.
„Gib uns doch wenigstens eine Chance!“ schrie sie, „Du bist an nichts gebunden! Ein Text ist wie ein Rorschachtest, mach kein konkretes Bild daraus!“ Sie nahm mein Gesicht in ihre bebenden Hände. „Es ist noch offen, ob das jetzt nicht einfach der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ist, Komödie oder ein Stück Romantik. Lass uns zusammen durchbrennen! Zwei Romanfiguren, die zwischen Unterbewusstsein und Spekulation ihr eigenes Ding machen!“
Der Regen war immer stärker geworden, er platschte und prasselte und fette Tropfen zerspritzten auf ihrem Wachsmantel. Ich wünschte mir, ich hätte auch so einen und fing beinahe an, ihr doch zu glauben. „Brenn einfach durch mit der Verrückten.“ murmelte sie leise und sah mir tief in die Augen, während die Anzeige auf 79 sprang. So abwegig es auch war, ich sehnte mich plötzlich danach, dass sie recht hätte und dass der Leser in eben diesem Moment das Buch zuklappte.
Wieder klang der Käuzchenschrei, doch fremd, wie rückwärts abgespielt. Der Regen setzte schlagartig aus. Ihre Augen weiteten sich entsetzt und etwas scheint mich aus einem tiefen Traum zu reißen, ohne, dass sich etwas nennbar ändert.
Zwei altertümliche Züge fahren vor, rechts und links vom Bahnsteig, halten absolut synchron. Die Uhr stoppt bei 0. Ich grinse. Ich bin die Bestie. Hoch zufrieden öffne ich meinen Reisekoffer und nehme die Axt heraus, während sie beginnt, davonzulaufen.
Wie auf Kommando gleiten die Türen der Züge auf, vollkommen lautlos. Riesige schwarze Jagdhunde trotten heraus. Es sind dutzende, ganze Rudel und sie folgen der Flüchtigen ebenso still – vom Bahnsteig hinab zur Unterführung.
Umflossen von einem Strom schwarzer Leiber schlendere ich hinterher. Sie hatte Recht mit ihrer Ahnung: es ist eine Horrorstory. Es ist meine Horrorstory.
Mit der archaischen Bosheit einer Heidengottheit liest jemand Zeile für Zeile, dreht die Kurbel und treibt die Geschichte an. Will wissen wie es weitergeht und macht genüsslich Jagd auf das kleine Geschöpf in seinem Verstand. Lässt mich, den Jäger, vorwärtsschreiten.
Die Hunde hetzen sie den Waldweg entlang, sind schneller als sie, reißen sie nieder. Sie schreit und weint und wehrt sich schwach, doch Schraubstockgebisse halten sie sicher, halten sie fest, während ich nachfolge.
„Hör auf zu lesen!“ kreischt sie, „Ich kann noch immer entkommen! Ein offenes Ende…“
„Ist inkonsequent“ falle ich ihr ins Wort und betrachte die Spiegelung meines Mördergrinsens im polierten Blatt der Axt. „Der Leser will Blut sehen. Sonst würde hiervon nichts geschehen.“
Einer der Hunde fängt zu hecheln an, als wollte er mir beipflichten. Ein Windstoß lässt die Bäume knarzen.
Die Axt fährt hoch und sie fährt nieder – fährt rasch und gierig nieder, beißt das warme, heiße Fleisch. Ein letzter Schrei verklingt im Dickicht. Schneller als erwartet tritt der Tod ein, ich aber werde leben. Werde leben und mich mästen in Deinem Gehirn, nicht länger loszuwerden, nachdem Du mich beschworen hast.
Jaulend begrüßen die Hunde den Sonnenaufgang und ich lese diesen letzten Satz im MorgenGrauen.


Robert Boehm, Leipzig, 16. August 2025. Letzte Revision am 16. August 2025.