„Zu lange Texte“ – ein Bekennerschreiben

Wie Ihnen gewiss aufgefallen ist, steht „Blog“ in Anführungszeichen. Hier werden Texte veröffentlicht – jedoch lege ich es nicht darauf an, die ökologische Nische partout regelmäßig erscheinenden, zeitsparend les- und insgesamt niedrigschwellig konsumierbaren Contents zu besetzen.

Das soll kein Angriff auf denselben sein, kein offensiv platziertes Bestreben zur Errichtung eines moralischen Zeigefingers im Sinne insolenter „Gegenkultur“. Jedenfalls nicht in der Hauptsache. Wenn man die Zeit findet, sich kurz zu fassen, sind knapp und bündig dargestellte Sachverhalte absolut von Wert – für Fälle, in denen man dergleichen nötig hat.

Edgar Allan Poe war der Ansicht, durch die von ihm erwartete (!) Beschleunigung des Lebens infolge allgemeiner Elektrifizierung bleibe kaum noch Zeit, Romane zu lesen und Kurzgeschichten gehöre die Zukunft: weshalb er welche schrieb. Man möchte sie nicht missen. Aber waren Dostojewskij, Thomas Mann und J.R.R. Tolkien somit etwa auf dem Holzweg?

Es spricht nichts gegen Serien, gar Sitcoms, wenn einem Zeit und/oder Muße fehlen, sich mit einem Glas Wein im Sessel zurückzulehnen und Monumentalfilme zu inhalieren. Dennoch kann man auch in Zeiten von TikTok durchaus noch Freude haben, an, sagen wir, Lawrence of Arabia, Andrej Rubljow oder Dogville. Kann am Ende von Villeneuves Dune Enttäuschung spüren, weil es nicht nahtlos mit dem (während ich dies schreibe leider Gottes noch nicht einmal abgedrehten) zweiten Teil weitergeht.

Mir ist es an dieser Stelle auch nicht darum bestellt, im Umkehrschluss die deutlich kleinere Nische mit voller Absicht sperriger Texte zu bespielen. Offen gestanden möchte ich hier überhaupt keine Nische bespielen, kein Untier füttern, nicht performativ zielgruppenspezifisch denken – sondern schlicht schreiben, was zu schreiben ich eben geneigt bin: ungeachtet strategischer Erwägungen. Falls Sie daran Freude finden, umso besser.

Beispielsweise mein Essay zur Invasion der Ukraine ließe sich sicherlich auf einige Kernthesen eindampfen; diese gar ließen sich zusätzlich wohl in separate Artikel gießen, womit ein paar – eventuell verzichtbare – synergetische Bedeutungsbenen flöten gingen. In diesem „Blog“ allerdings möchte ich Themen möglichst multiperspektivisch behandeln, interessante „Meta-Ebenen“ zelebrieren, selbst dann, wenn dies Ausführlichkeit zur Folge hat.

Inzwischen wissen wir, dass jede:r heute lebende, Sitcoms schauende, „Blog“-Texte lesende Homo Sapiens Sapiens (einschließlich Afrikaner:innen!) bis zu 2% Neandertaler-DNS in sich trägt. Mal mehr, mal weniger. Unsere Ahnen haben die anderen nicht ausschließlich verdrängt und umgebracht. Sie haben auch – Sie wissen schon. Evolution und Wettbewerb können Erweiterung bedeuten, Amalgamation: nicht unbedingt Ersetzung. Wir sind genetische Kollagen – und deren (alte wie neue) Elemente stehen eben nicht für sich, sondern bilden im Zusammenspiel mehr als die Summe ihrer Teile.

Dieser „Blog“ ist für die Neandertaler:in in Ihnen.


Robert Boehm, Leipzig, 31.03.2022. Letzte Revision am 31.03.2022.

Bildquellen: Pixabay.com, Wikimedia Commons


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