Titane und High Life: Im Weltraum hört dich niemand Judith Butler zitieren

Überstrapazierte Körperlichkeit im postmodernen Genrekino. Genau Ihr Thema nehme ich an. Frohen Genuss also. Etwas griffiger: es geht um pseudo-intellektuelle Ekel-Filme, die durchaus Spaß machen können – oder auch nicht. Zwei Beispiele. High Life und Titane.

„Der ganze körperliche Kram ist so öde!“

Raoul Silva, ehemaliger MI6-Agent, in: Skyfall

Um direkt alle Leser:innen zu enttäuschen, die bei Silbenkombinationen wie „Greta Thunberg“, „Gendertheorie“ oder „Postkolonialismus“ in hysterische Schnappatmung verfallen und ihr selbstgebasteltes MAGA-(bzw. MAGAA-)Pappschild gen Firmament recken: es wird an dieser Stelle nicht versucht, gegen die in den letzten Jahren omnipräsenten Diskurse um -ismen und Identität zu polemisieren. Gegenstand kritischer Betrachtung soll lediglich eine ganz bestimmte Art reißerischer Produktionen auf dem Feld Phantastik sein, deren kalkulierter Kassen- und Kritiker:innenerfolg darauf fußt, (un)populäre geisteswissenschaftliche Thesen zur Hand zu nehmen und diese anhand leidgeplagter Opferfiguren zu inszenieren. Meist durch die ausführliche Thematisierung und Darstellung vermeintlich tabuisierter körperlicher Vorgänge.

Zunächst also High Life. Nicht zu verwechseln mit High-Rise. Mit Schauspieler:innen wie Juliette Binoche (auch zu sehen als Geroges’ Gattin in Caché), Mia Goth, Lars Eidinger und Robert Pattinson (dessen Immage als schillernder Blutsauger nicht erst seit The Lighthouse revidiert gehört) spektakulär besetzt. Dem Genre nach Science-Fiction:

Folgender Inhalt: um die Menschheit mit Energie zu versorgen, werden Raumschiffe in Gestalt enormer Blockbatterien zu einem Schwarzen Loch geschossen (wie und ob die dort gewonnene Energie dann zurück zur Erde gelangt, wird nicht spezifiziert). Da der Flug eine ganze Weile dauert, nutzt man die Gelegenheit, um ein paar lebenslänglich verurteilte Strafgefangene an Bord einzuquartieren: sie befinden sich dann ja ohnehin auf einem One-Way-Flug, folglich kann man auch gleich ein paar wissenschaftliche Experimente an ihnen durchführen. Hört sich reichlich konstruiert an? Damit könnten sie richtig liegen. Im Fall von Raumschiff Nr. 7 müht sich die Bordärztin, dafür zu sorgen, ihren weiblichen Probantinnen zu einer erforlgreichen Schwangerschaft zu verhelfen. Eventuell besteht die besondere Schwierigkeit darin, dies unter Weltraum-Bedingungen zu gewährleisten. Jedenfalls dient dieses Unterfangen als Vorwand für allerhand heimlichtuerischen Unsinn mit Sex und Sperma auf Klassenfahrt-Niveau. Da man den armen Seelen – außer einem Kleingarten unter UV-Lampen und willkürlich abgespielten Videofragmenten von Strandurlaub und Rugbyspielen – keinerlei Unterhaltungsmöglichkeiten mitgegeben hat (keine Bücher, kein Brettspiel, keine PlayStation 2), machen viele gern bei den Experimenten mit oder versuchen ihrerseits, einander zu quälen und zu vergewaltigen. Viel Leid, viel Tod, eine Geburt – samt und sonders im restfrei Perspektivlosen.

Um nicht der Versuchung hemmungsloser Häme zu verfallen: das alles ist mit großem Können inszeniert. Die Gestaltung des Schwarzen Lochs durch den Künstler Ólafur Elíasson ist aufregend, man fühlt sich in ein Gemälde von Barnett Newman hineinversetzt. Es gibt grandios unangenehme Horrormomente mit einem zweiten Raumschiff voll verwahrloster Hunde, auch Bilder wie fünf (allen bekanntenn Naturgesetzen zum Spott) im All zum Stehen kommende Astronautenleichen sorgen für Gänsehaut. Einige Szenen sind wirklich ergreifend (die blutverschmierten Finger von Mia Goth und Robert Pattinson, die nacheinander tasten, nachdem die beiden ihrer Verweiflung in einer sinnlosen Keilerei Luft gemacht haben; Zärtlichkeit im allgemeinen Nihilismus). Auch der Ansatz, das Kali-Yuga als Synonym fürs Anthropozän zu verwenden, lässt interessante Assoziationen zu. Aber entschuldigt das für einen Lars Eidinger als Weltraumkapitän, der keinen nennenswerten Text abbekommen hat, als nach seinem Schlaganfall zu röcheln „Lutsch mir den Schwanz“?

High Life ist ein eher durchschnittlicher Science-Fiction-Film, der eben dies durch eine stark gedehnte Erzählweise, artifizielle Optik und viel Bohei um unappetitliche Details aus dem Aufklärungsunterricht zu verschleiern sucht. Big Brother im Weltraum für ein vorgeblich intellektuelles Publikum. Dark Star mit totem Kapitän im Kühlraum aber ohne die lustige Kulleraugen-Brille. Gleichwohl ein Plot, den selbst Friedrich Merz auf seinen Bierdeckel bekommen würde.

Die böse Bortärztin hat ihre Familie ermordet und ist vom anschließenden Suizidversuch unfruchtbar geworden. Jetzt missbraucht sie ihre Versuchskaninchen, um eine neue Tochter zu zeugen und sich anschließend endgültig zu entleiben. Ach du Schreck. Ein „psychologischer Abgrund“, der auch aus einer der schlechteren Füllerfolgen von Hannibal stammen könnte.

Ja, die Einstellung mit dem irisierenden Wasser im Schacht und die lange Fahrt durch Sumpfmarschen im offenen Schienenfahrzeug erinnern an Tarkovskijs Stalker. Ja, die im Weltraum aneinander dockenden Schiffe erinnern an die „kopulierenden“ Bomber aus Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb. Wohin man auch blickt Bildzitate aus 2001: A Space Odyssey. Aber Kubrick und Tarkovskij zu mixen – reicht das, um als relevant zu gelten? Man fügt am Besten noch eine Menge Bilder von nackten Körpern und Handlungsmotive hinzu, die in den 1960ern vielleicht noch einen Skandal wider die bürgerliche Doppelmoral des Patriarchats ergeben hätten. Und die als banal zu schelten vielleicht nach sich zieht, von ein oder zwei Twitter-Sekten „gecancelt“ zu werden.

Wenn Glenn Whipp in der Los Angeles Times behauptet, nie etwas Vergleichbares gesehen zu haben (Zitat im oben verlinkten Trailer), fragt man sich doch, ob er seit The Wizard of Oz nicht mehr im Kino war. Gewiss, die von der Raumkrümmung verzerrten Sterne neben dem schwarzen Loch wie Sperma neben einer Eizelle zu zeigen, ist ganz nette Bildgestaltung, doch den „Kniff“, eine Weltall-Odyssee als komplexe Metapher für Zeugung und Geburt zu nutzen, kennt man bereits aus Alien.

In Ordnung. Titane. Sowas ähnliches wie Fantasy. Gewinner der goldenen Palme bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes.

Worum es geht: die exotische Tänzerin Alexia, die seit einem Autounfall eine Titanplatte im Schädel trägt, wird von einem übergriffigen Fan belästigt und sticht ihn kurzerhand mit ihrer Haarnadel (!) ab. Bevor man nun aber Zeit hat, sich Sorgen zu machen, ob ihr vielleicht die Polizei auf die Pelle rückt, hat sie schon Sex mit einem Auto (!!), schlachtet die Teilnehmer:innen einer munteren Orgie ab und bringt ihre Eltern über den Jordan. Wie sich herausstellt, war sie schon seit Längerem als Serienmörderin aktiv und nutzt den Anlass, um gleich mal unterzutauchen. Über Umwege gelangt sie zu einer Bande Feuerwehrmänner, die Klaus Theweleits Männerphantasien als Anleitung verstanden zu haben scheinen. Deren tonangebender Silberrücken (herausragend verkörpert durch Vincent Lindon) nimmt sie als Surrogat seines verschollenen Sohnes auf: dass sie ein Mädchen ist, stört ihn dabei kein Stück. Eigentlich scheint nun alles picobello, doch obendrein ist Alexia von dem Auto (!!!) schwanger…

Damit reitet Titane auf derselben kulturellen Welle wie High Life. Der durchschlagende Erfolg des Films verdankt sich offenkundig (auch) strategischer Stoffentwicklung. Aber das Ganze ist dermaßen formelhaft, dass man hier eigentlich nicht mehr unterstellen kann, das Publikum würde irgendwie reingelegt.

Im Wesentlichen nimmt der Film Donna Haraways Cyborgmanifest und überträgt dessen Thesen ohne große Umschweife in eine filmische Handlung. Allerdings kein zeigefingerschwingends Moralstück sondern eine enigmatische Horrostory. Die Protagonistin ist kein (reines) Opfer, sondern definitiv selbst Täterin. Klaro, sie bricht nach Lehrbuch aus der patriarchalen Heteronormativität aus und transformiert sich, wie man es von einer experimentierfreudigen jungen FLINTA* auf der Höhe der Zeit wohl erwarten darf. Doch ihre lesbische Tänzerinnen-Kollegin, die mit ihr vorbildlich progressiven Sex haben möchte, massakriert Alexia ebenso wie zu Beginn den offenkundig cisnormativen Stalker.

Feministische Theorie wird hier zum x-ten Mal durchdekliniert – während Zuschauer:innen gleichzeitig die Perspektive einer ohne nachvollziehbaren Grund mordenden Psychopathin aufgezwungen bekommen. Alexias Motive sind ebenso unergründlich – bzw. nicht vorhanden – wie die Kausalitäten im Zusammenhang ihrer fahrzeugbezogenen Sexualität und deren Folgen. Mit etwas gutem Willen mag man zugestehen, dass eine ähnlich „phänomenologische“ Betrachtungsweise ermöglicht wird wie bei Walter Moers Zamonien-Romanen oder dem New Weird-Genre. Man wird allemal eingeladen, die fraglichen emanzipatorischen Konzepte neu zu denken: ist man ein besserer Mensch, weil man Opfer ist? Eine Welt ohne (genderspezifische) Diskriminierung wäre eindeutig eine bessere – aber perfekt? Ist alles gut, das Leben sinnhaft, wenn nur erst sämtliche einengenden Gendernormen überwunden sind? Wie sieht ein erträgliches Verhältnis von Wahnsinn und Gesellschaft eigentlich genau aus? Titane ist kein relevanter Film wie Caché oder Incendies. Aber doch zumindest ein halbwegs interessanter.

Noch drastischer als High Life setzt Titane auf Ekel, Kunstblut, Gore und nackte Haut. Beide Filme stellen die grausigen Seiten menschlicher Sexualität im Rahmen eines in letzter Konsequenz reißerischen Genrefilms zur Schau. Ob damit im einen wie anderen Fall etwas Neues oder tatsächlich Relevantes zu irgendeinem Diskurs beigetragen wird, ist fraglich. Ob nun Agathe Rousselle (Alexia) sich mit einem Cadillac vergnügt oder Juliette Binoche (die Bordärztin) mit ihrem Rodeostuhl in der fliegenden Batterie: was dabei herauskommt, sind effektvoll gefilmte Schockerszenen. Spektakel. Bärtige Damen, Elefantenmenschen, Travestie. Ob absichtlich oder (was wohl als einigermaßen unwahrscheinlich gelten kann) auch nicht – bedient wird hier die Lust am Schrecklichen. Selbstreflexiv einzugestehen, dass eben darin eine Absicht liegt, ist dem Publikum gegenüber deutlich respektvoller, als es aufzufordern, sich (nur) im Gefühl moralischer Überlegenheit durch Selbstanzeige zu suhlen.

Ob Schund oder nicht ist Titane der Midnight-Movie des identitätszentrierten Zeitgeists: Die Rocky Horror Picture Show unserer Tage mit weniger Humor und deutlich mehr Horror. High Life ist eine Hommage ans meditative Großmeister-Kino früherer Zeit – dem das Selbstbewusstsein fehlt, es ohne Großaufnahme von Mia Goths laktierenden Brüsten zu versuchen. Titane hingegen ist ohne seine Widerlichkeiten nicht zu denken: darin besteht der Zweck des Films. Und sei das Vergnügen des Publikums nur jenes, den ungläubigen Schreckenslauten der übrigen Zuschauer:innen im Kinosaal zu lauschen. Filme wie High Life hätten das Potenzial, anspruchsvollen Genre-Enthusiast:innen auch ohne das Ekelbuffet körperlicher Unannehmlichkeiten etwas zu bieten, das ihnen am Ende vielleicht sogar Spaß macht. Was vielen Werken dieses Schlags fehlt, ist schlicht und ergreifend das Zugeständnis, dass sich in Ausnahmefällen auch außerhalb von BHs und Unterhosen etwas Interessantes abspielen kann. Und sei es die Raumkrümmung um Schwarze Löcher.


Robert Boehm, Leipzig, 09.02.2022. Letzte Revision am 09.02.2022.

Bildquellen: Pixabay.com


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