The Metamodern Genre Blend

Ein Single Malt Whisky zeichnet sich dadurch aus, dass er in einer einzigen Brennerei hergestellt wird – im traditionellen Brennverfahren aus gemälzter Gerste. Ein Blended Whisky ist ein Verschnitt aus mehreren Single Malts sowie häufig auch Grain Whisky – im schnelleren Patent-Still-Verfahren gebrannter Whisky, der nicht unbedingt (nur) auf Gerste basiert. Ja und?

In den letzten Jahren mehren sich Filme mit den folgenden Charakteristika:

  • Es werden wie wild Genres und Stimmungen gemixt
  • Kein Genre bzw. keine Stimmung steht dabei klar im Fokus
  • Im Film wird ausgiebig die Filmgeschichte als solche thematisiert
  • Das Ende ist, „unterm Strich“, optimistisch

Konkret denke ich dabei an Quentin Tarantinos Once Upon a Time… in Hollywood, Paul Thomas Andersons Licorice Pizza und, zuletzt, Jordan Peeles Nope. Hinzu kommen restlos surreale Werke wie der programmatisch betitelte Everything Everywhere All at Once (Dan Kwan / Daniel Scheinert), die in gewisser Hinsicht ähnlich funktionieren, dabei jedoch letztendlich eine andere Strategie verfolgen (siehe unten).

Obwohl besonders Once Upon a Time… in Hollywood – besonders beim ersten Ansehen – teils etwas ziellos scheint, ist allen drei Filmen gemein, dass sie die jeweils angeschnittenen Einzelgenres souverän bespielen und nicht etwa dekonstruieren. Menschliches Dasein wird in seinen Höhen und Tiefen thematisiert, in seiner Alltäglichkeit wie auch Erhabenheit, in heiteren Augenblicken und solchen voll fundamentaler Verzweiflung – und dabei wird eben nicht hierarchisiert.

Im Unterschied zu postmodernen bzw. postmodernistischen Filmen wie High Life steht nicht im Vordergrund, ein bestimmtes Genre, oder auch mehrere Genres auf einen Schlag, zu dekonstruieren, indem sie mit Alltäglichem, Allzumenschlichem vermengt werden. Wir erinnern uns: High Life erzählt eine aufregende Science-Fiction-Story, doch niemand an Bord des Raumschiffs hat Sinn für die Expedition, da alle Passagier:innen mit Sex und sexuellen Neurosen ausgelastet sind. Selbst der von Lars Eidinger verkörperte Weltraum-Kapitän hat nichts beizutragen außer: „Lutsch mir den Schwanz!“

Gewissermaßen fühlt High Life sich wie die Verrätselung folgender Aussage an: „Sich für das Universum zu interessieren ist kindisch: Science-Fiction ist naiver Quatsch und lenkt nur von der eigentlichen Lebensrealität der Menschen ab, denn leider dreht sich dieses eben nur um Sex und Machtspielchen.“ Man mag sich an den Monolog des alten Obdachlosen in A Clockwork Orange erinnert fühlen, der darüber schimpft, dass die Menschen ins Weltall fliegen, statt sich um die Probleme auf der Erde zu kümmern – z.B. vernachlässigte Jugendliche wie Alex DeLarge und seine Droogs, die ihn daraufhin dann zusammenschlagen. Man mag sich auch (nicht zu unrecht) von Multimilliardären wie Jeff Bezoz oder Elon Musk distanzieren wollen, die angesichts aller Krisen des 21. Jahrhunderts davon träumen, libertäre Fantasiestaaten im Sonnensystem zu errichten und sich dann dorthin zu verkrümeln. Allerdings bedeutet dies nicht, Weltraumforschung und Raumfahrt an sich abzulehnen. Sie angesichts bodenständigerer Krisen für problematisch zu befinden, kann Träumen vom Kosmos zum zusätzlichen Anlass machen, die Krisen zuerst/parallel und vor allem abschließend lösen zu wollen. Postmoderne Desillusionierung im Sinne von High Life hingegen steht Träumen per se kritisch gegenüber: „Wir sollen elend sein und sind es.“

Wenn man so möchte, entspricht das alte moderne Genre-Kino in all seiner Naivität Single Malt: man begeistert sich für einen Aspekt des Lebens und glaubt, darin eine, gar DIE universelle Wahrheit erkannt zu haben. Science-Fiction wie Metropolis: Technologie bringt Ungleichheit und Schrecken, doch letztlich kann sie uns erlösen.

Postmoderne Anti-Genre-Filme entsprechen dem Ansatz, guten Scotch mit Cola zu mischen, damit er süßer schmeckt. Eine gewisse Ehrlichkeit, zugleich Zynismus und eine verkappt genussfeindliche Attitüde.

Durch und durch ironische Produktionen wie die Guardians of the Galaxy, Deadpool und die restlichen Marvel-Filme stellen die Kehrseite dekonstruktiver Werke wie High Life dar: man weiß, dass die Träume des Genre-Kinos leer sind, entschließt sich aber voll impliziter Bitterkeit dazu, sie trotzdem zu träumen, um von den (empfundenen) harten Realitäten abzulenken, die reine Desillusionierung zutage fördert; allerdings weiß man, dass man nur so tut, dass es nur Pseudo-Epik ist, Pseudo-Romantik, eben Kitsch – oder gar Pseudo-Kitsch. Nicht gleichwertig zu Single Malt, dennoch in gewissem Umfang schmackhaft, schnell produziert und hochprozentig: das Pendant zu reinem Grain Whisky.

Metamoderne Genre Blends der hier thematisierten Art mischen all diese Ansätze, lassen ggf. bloß die Cola weg. Alles mag schonmal dagewesen sein – aber man kann durchaus in neuartigen Verhältnissen mischen. Es wird nicht abgestritten, dass das Leben oft banal, oft furchtbar ist – aber auch die sublimen, wunderbaren Momente stehen für sich. Kunst, Kitsch und Realismus existieren nebeneinander, ohne, dass eins das andere dominiert.

Bzw. ist teils überhaupt nicht mehr klar, worum es sich eigentlich handelt – respektive alles zugleich ist wahr. Exemplarisch ist hier eine Szene aus Nope, in welcher ein raubeiniger Charakter – ein alter Kameramann, der allem Anschein nach Clint Eastwood gefrühstückt und danach mit Tom Waits gegurgelt hat – den Text des Sheb-Wooley-Songs Purple People Eater zitiert:

Well he came down to earth and he laid in the tree
I said Mr. Purple People Eater, don’t eat me
I heard him say in a voice so gruff
„I wouldn’t eat you ‚cause you’re so tough“

It was a one-eyed, one-horned, flyin‘ purple people eater
One-eyed, one-horned flyin‘ purple people eater
One-eyed, one-horned, flyin‘ purple people eater
Sure looks strange to me

Der offensichtlich absurde, heitere, in der Regel auch heiter interpretierte Song (hören Sie hier) wird mit schroffer Stimme in der Stille eine beklemmenden Situation vorgetragen, bekommt im Kontext der Filmhandlung (über die im Vorhinein nicht viel zu wissen maßgeblich im Sinne des Films ist, weshalb hier auch nicht mehr vorweggenommen werden soll) finsteren Gehalt bzw. wird verfremdet – zugleich charakterisiert der enigmatische letzte Satz den Kameramann, sowie den gesamten Film Nope. NATÜRLICH empfindet man den Anblick des „einäugigen, einhornigen, fliegenden lila Menschenfressers“ als seltsam – warum das zusätzlich erwähnen? Aus Protest. Die Situation ist absurd, doch statt zu verzeifeln kann man ihr mit einer gesunden Portion Absurdismus, Lakonie begegnen, kann verweigern, die Absurdität als selbstverständlich, als gegeben, unabänderlich zu akzeptieren.

Spannend ist hierbei, dass in den Blend Filmen je auch die Filmgeschichte als solche thematisiert wird: Once Upon a Time… in Hollywood und Licorice Pizza spielen im Hollywood der späten 1960er bzw. frühen 70er, die Protagonist:innen sind (ehemalige) Schauspieler:innen und/oder möchten es (wieder) werden. Nope spielt auf einer kalifornischen Ranch nahe Hollywood, der Protagonist trainiert Pferde für Filmdrehs – zudem ist er ein Nachfahre des (schwarzen) Reiters in Eadweard Muybridges Film The Horse in Motion – des ALLERERSTEN Films überhaupt:

Wie in Nope auch thematisiert wird, gilt Muybridge als Pionier – während kaum jemand sich an den Namen des Reiters erinnert oder sich dafür interessiert. Diese Feststellung als solche, die damit einhergehende Kritik am strukturellen Rassismus der Filmindustrie, ist zutiefst postmodern. Analog zur Raumfahrt-Metapher in A Clockwork Orange gegenüber der in High Life wird ein negativer Ist-Zustand kritisiert, ein potenzieller Soll-Zustand, der mehr ist als reine Abkehr von der defizitären Gegenwart, wird jedoch nicht kategorisch ausgeschlossen. Der Punkt ist perspektivisch nicht, in einer anti-rassistischen Welt zu leben, sondern in einer, die über Rassismus erhaben wäre. Entsprechend utopisches Moment in Nope (und Once Upon a Time… in Hollywood und Licorice Pizza) ist, dass parallel vom (universellen) „Zauber des Films“ erzählt wird, der von Filmen (bzw. Narrativen an sich) angeregten Fähigkeit des menschlichen Hirns, wiedersprüchliche Realitäten mithilfe von Geschichten zu ordnen, zu selektieren, dem Ganzen subjektiv Sinn abzugewinnen. „Dies ist lustig, das ist schlimm, dies ist gruselig, das ist blöd – aber das alles ist Teil (m)einer Geschichte.“

Diese Akzeptanz der Tendenz, die Welt narrativ wahrzunehmen (Dekonstruktion der Illusionen + daraus resultierende Erkenntnis des ewigen Quells der Illusionierung) ermöglicht den Filmen auch, schlussendlich optimistische Resümees zu ziehen.

Ja, die Realität ist paradox, ambivalent: doch im Ambivalenten MUSS man raten, auf Basis von Annahmen agieren, auf Sicht fahren – und genau das KANN man auch. Dies zur Quintessenz eines Popcorn-Films zu machen entspricht der Einladung, es obendrein zu WOLLEN.

Interessant ist – nicht zuletzt im Angesicht der deprimierenden momentanen Weltlage – dass eine solche Perspektive eigentlich gar nicht wirklich auf ein Happy End angewiesen ist, um sinnstiftend zu wirken. Die Erkenntnis, dass das Leben sinnhaft ist, wenn man so tut, als ob es das wäre ( = „als ob es ein Film wäre“), bedeutet, dass es reicht, beherzt so zu handeln, als gäbe es Hoffnung, um hieb- und stichfeste „Meta-Hoffnung“ zu finden. Solange man nach Kräften bemüht bleibt, das Schlimmste abzuwenden, liegt kein Vorwurf darin, wenn dieses trotz allem eintritt.

Ein relevanter Film in diesem Zusammenhang ist Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die. Wie die drei bereits angesprochenen Filme handelt es sich um einen Genre Blend – jedoch mit pessimistischem Ende (Bohrungen nach Fracking Gas am Nordpol haben die Erdrotation zum Erliegen gebracht, aus unbekannten Gründen führt dies dazu, dass die Toten als Zombies auferstehen, um die Lebenden zu verschlingen – und verschlungen werden sie…). Den Protagonist:innen ist bzw. wird jedoch (teilweise) bewusst, dass es sich um einen Film handelt: weshalb sie mit entspannter Lakonie reagieren statt zu verzweifeln. Die Lage ist tragisch doch kein Grund zum Jammern – sie ist metatragisch.

Immer wieder wird der titelgebende Sturgill-Simpson-Song The Dead Don’t Die zitiert oder es wird darauf Bezug genommen; dies erfolgt derart repititiv, dass der Song jedwede Bedeutung zu verlieren scheint, dass er bald nur noch als Gedudel empfunden wird – um schließlich als Innbegriff der Lakonie, gerade als Gedudel, neue Bedeutung zu erlangen: die Erkenntnis, unweigerlich zu sterben, im Grunde bereits tot zu sein, macht obsolet, sich vor dem Tot zu fürchten. Man braucht sich nicht mit Schwermut abzumühen, kann so tun, als wäre man unsterblich, als gäbe es ein bereits abgetipptes Drehbuch – mehr als Gedudel bis zum Schluss wartet nicht, und das sind gute Neuigkeiten.

Der Unterschied entsprechender Blends zu ironischen Erzählungen wie den erwähnten Marvel-Filmen ist, dass man nicht NUR so tut, als gäbe es Hoffnung, sondern dass man eine vergleichsweise valide Begründung herleitet, warum es LEGITIM ist, so zu tun. Eskapismus à la Guardians of the Galaxy wirkt potenziell kurzfristig aufheiternd, mittelfristig jedoch deprimierend. Es wird erprobt, DASS ein Nur-So-Tun wohltuend wirken kann – doch man wird mit der Frage alleingelassen, ob dem Effekt zu trauen ist. Reine Ironie ist nicht „nachhaltig“, bietet keine greifbare Perspektive. Lakonie schon.

Abschließend zu erwähnen sind Filme wie Everything Everywhere All at Once – oder alle übrigen Werke der hier zu findenden Liste, die sich dem Genre der „Metatragödie“ zuordnen lassen. Eine ausführliche Definition dieses Genres finden Sie in meinem Fachwerk Jenseits des Postmodernen: Die Geburt der Meatragödie. Im Wesentlichen besteht der Unterschied zu den in diesem Artikel beschriebenen Genre Blends darin, dass nicht Versatzstücke klassischer Genrefilme nebeneinander gestellt und als solche stehen gelassen bzw. zelebriert werden, wobei die Zitation filmischer Tradition(en) als Emulgator wirkt, sondern das die Genreelemente innerhalb des jeweiligen Films dekonstruiert werden, um sie dann durch das nicht apriori vorhandene, sondern erst nach und nach als „Heilmittel“ eingeführte Moment der Metafiktionalität (eben der „Zauber des Films“) zu reanimieren. Die Entwicklung von Moderne über Postmoderne zu „Metamoderne“ wird je in Gänze nachvollzogen – in einem nekromantischen Prozess. Es wird erst alles plattgemacht, um dann den Trümmern neues Leben einzuhauchen. Das hat weniger mit Scotch gemein als mit Molekularküche – im besten Fall jedoch ist der Genuss vergleichbar.

Sláinte.


Robert Boehm, Leipzig, 12.09.2022. Letzte Revision am 12.09.2022.

Bildquellen: Pixabay.com


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