Rezension: Der König des Sterbens

Sie lesen: eine Rezension. Zu einem Text, zu dem Roman Der König des Sterbens. Geschrieben von Laura Bruning, nach eigenen Angaben inspiriert vom Film Der Untergang. Entsprechend spaßig fällt die Handlung aus: Drei abgehalfterte Kerle irgendwann zwischen 20 und der Midlife-Crisis geben sich in einer kaum minder abgehalfterten Kneipe die Kante. Gute Stimmung will sich nicht einstellen – obendrein bekommen sie Gesellschaft: von einem dubiosen Gentleman alter Schule (dem titelgebenden „König“), der ihnen eröffnet, keiner von ihnen werde die Kneipe lebend verlassen. Es folgt eine Mischung aus trotzigem Besäufnis und Kampfdebatte über die Nichtigkeit des Daseins, die langsam eskaliert. Je weiter der Abend voranschreitet, desto bizarrer wird das Treiben, kippt zunehmend ins Surreale. Worauf all dies hinausläuft, ist angenehm erwartbar bitter.

Das Werk ist beim Gorilla Verlag erhältlich und es gibt einen eigenen Trailer (aus dem auch die traumschönen Illustrationen dieses Artikels stammen). Der König des Sterbens ist nicht lang und bekömmlich geschrieben; lässt sich mehr oder weniger in Echtzeit lesen. Kein Epos, das Leser:innen wochenlang zu kauen gibt. Zumindest nicht am Text selbst. Vielmehr wartet ein intensiv sinisterer Abend: wer einen intravenösen Schuss Antimaterie sucht, wird an dieser Stelle fündig.

Kurze, pointierte Textblöcke verleihen der Sache einen aphoristischen Anstrich. Es lauern derweil keine Spruchweisheiten, vielmehr derbster Kneipentalk. Damit soll kein Tiefgang abgesprochen werden. Stellenweise erwachsen aus der morbiden Szenerie wirklich abgründige Denkgebilde. Der Roman neigt zur Selbst-Dekonstruktion, zum Hinterfragen von Sprache. Manche Passagen wirken wie Parodien semantischer Schwerenöterei im Geiste Heideggers:

„Es hat ja auch ohne Grund angefangen.“

„Was ist es?“

„Du.“

Der König des Sterbens erzählt eine minimalistische Geschichte, irgendwo aus den Weiten der modernen Alltagsmisere. Wie eine Sackgasse im Industriegebiet. Diese weist jedoch über sich selbst hinaus: ein fieser kleiner Roman Noir, unter dessen Oberfläche etwas noch Dunkleres lauert, das sich nicht wirklich definieren lässt. Wie eine ohnehin schon hässliche Schnitzerei, die überdies im Innern faulig ist. Mit Holzwürmern für Wurm-Gourmets. Dark Drama par excellence.

Was die erzählten Ereignisse zu bedeuten haben oder wie (oder ob) sie zu erklären sind, bleibt letztlich der Leserschaft überlassen, auch wenn mögliche Interpretationen vorgeschlagen werden – eine davon etwas zu wenig missverständlich für meinen Geschmack. Gleichwohl kann man sich in der Ambivalenz der Erzählung treiben lassen, vielleicht reicht es auch zum Versinken. Alles in allem ein attraktives Stück Kopfweh-Literatur, niederschmetternd bis zum letzten Vers – der hübsch an den Schluss von Kafkas Das Urteil gemahnt. Wer ein hochprozentiges Lesevergnügen im Spektrum zwischen Ort und Impuls, Lakonie und Masochismus sucht, ist mit Der König des Sterbens gut beraten.


Robert Boehm, Leipzig, 06.01.2022. Letzte Revision am 06.01.2022.


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