Nietzsche und das Xenomorph

In diesem Artikel geht es um einen bestimmten Aspekt an der Gestaltung des „Xenomorphs“ – des scheußlich fiesen Untiers aus den Alien-Filmen (Das heißt Alien, Aliens, Alien³, Alien Resurrection, Prometheus und Alien: Covenant. Auf die zur Reihe gehörenden Spiele gehe ich nicht ein, da mir von Aliens: Colonial Marines wohlmeinend abgeraten wurde und Alien: Isolation einfach so vermaledeit gruselig war, dass ich es bis heute nicht durchgespielt habe. Das komplette Alien vs Predator-Franchise werde ich ebenfalls ignorieren, da es inhaltlich nicht wirklich zu der Reihe gehört).

Als Warnung vorab: ich werde schamlos auf Details aus der Handlung der Filme eingehen, auch auf welche aus der des momentan neuesten Films (Alien: Covenant). Wer sich nichts verraten will, der ist ja nicht gezwungen, weiterzulesen.

Außerdem wird es das fragliche Alien in diesem Artikel nicht zu sehen geben – ich möchte schließlich keine Bildrechte verletzen. Stattdessen habe ich mich zur Auflockerung für ein paar besonders erbauliche Gebirgspanoramen entschieden!

Man wird aber bei Googel fündig, beispielsweise hier.

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Seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe, üben die Alien-Streifen eine große Faszination auf mich aus – im Grunde schon vorher: als junger Bursch sah ich im Schaufenster eines Geschäfts, das Statuen populärer Filmfiguren anbot, das zähnefletschende Xenomorph und seine schauerliche Optik blieb mir seitdem im Gedächtnis. Wenig später lief einer der Filme (Genau weiß ich es nicht mehr, doch ich bin ziemlich sicher, es war Alien³) im Fernsehen und nachdem ich in der Fernsehzeitung die Zusammenfassung gelesen hatte, plagten mich wochenlang Albträume. Dass die Reihe etwas Packendes an sich hat, beweisen wohl schon die zahllosen Fortsetzungen des ersten Teils – nicht nur Filme und Games, auch Comics und Bücher und sämtliche sonstigen Arten von Merchandise.  Was aber ist dieses Etwas?

Natürlich ist Alien ein erschreckend fürchterlicher Horrorfilm – und ziemlich eklig obendrein. Der zentrale Erfolgsfaktor ist sicherlich das großartige Design, von Kostümen und Kulisse, vor allem aber das des titelgebenden Monstrums. Ridley Scott (der beim ersten Teil sowie auch Prometheus und Alien:Covenant Regie geführt hat), sagte, er habe Hansruedi Giger, den inzwischen verstorbenen Künstler, der es gestaltet hat, gebeten, die angsteinflößendste Kreatur zu erschaffen, die überhaupt möglich sei. Ganz schiefgelaufen ist das gewiss nicht. Der augenlose Hybrid aus einem Skelett, Motorradteilen, anstößigen Symbolen und … einem Dinosaurier (?) eignet sich wahrlich gut dazu, die Nackenhaare strammstehen zu lassen.

Allerdings ist die Optik dieses Höllentiers dermaßen dubios, dass sie dazu einlädt, tiefgehender interpretiert zu werden. Was ja auch an anderen Stellen bereits reichlich geschehen ist. Mein Ansatz, um den es hier gehen soll, ist also nicht der einzige und ich behaupte nicht, dass es unbedingt das war, was in Gigers Schädel vorging, als er sein Monster zusammengesetzt hat. Vielleicht ist es auch ziemlich weit hergeholt – aber das sind Kunstanalysen letztendlich immer, sofern man nicht bestreiten will, dass alle Wahrnehmung von dem abhängt, der gerade wahrnimmt.

Genug der Vorrede. Was also sehe ich, wenn ich das vielgerühmte Scheusal ansehe?

Meine Interpretation hängt eng mit den Gedanken Friedrich Nietzsches zusammen. Dessen Philosophie – ob man sie nun mag oder nicht – ist furchtbar reich an Denkanstößen und wenn man sich daran versucht, irgendwas in (post-)moderne Kunst hineinzudenken, ist der Griff zu seinen Werken nie wirklich verkehrt. Auch hat die Alien-Reihe eine ganze Reihe von Ansätzen, die durchaus nahelegen, den alten Friedrich ins Spiel zu bringen. Die folgende Liste erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

Die allgemeine Bildsprache. Unwetter und Nebel, schroffe Berggipfel, dramatische Sonnenaufgänge: das sind alles typische Metaphern bei Nietzsche. Man merkt den Büchern an, dass er viele davon in der Schweiz geschrieben hat.

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Nihilistische Grundstimmung. Man bedenke David Finchers Alien ³! Auch Religionskritik ist in den Filmen reichlich vorhanden (die Mönche in Alien ³, Die in der Kapelle platzierte Schnittstelle zum Computer in Alien Resurrection, der unfähige christliche Kapitän in Alien: Covenant). Nihilismus und Religionskritik sind zwar bei Nietzsche eher Grundannahmen als Ergebnisse seines Denkens, aber trotzdem von großer Bedeutung!

 Giger war Surrealist. Jedenfalls werden seine Arbeiten oft zu dieser Kunstrichtung gezählt – und der Surrealismus war bereits in seinen Anfängen stark von Nietzsche geprägt. Als wichtigster Vorläufer des Surrealismus zählt, neben der Dada-Bewegung, der italienische Maler Giorgio de Chirico und der war großer Nietzsche-Fan. Generell geht es bei surrealistischer Kunst um Träume und das Unterbewusste, kurzum: um Psychologie. Und die ist kaum von Nietzsche zu trennen, Freud und Jung bauen beide auf ihm auf.

Das Motiv von (männlicher) Schwangerschaft. Ein populärer Interpretationsansatz zu Alien ist, die gesamte Handlung als Gleichnis für den Prozess der Schwangerschaft zu betrachten (John Hurt wird auf dem Planeten von dem – an ein Spermium erinnernden – Parasiten „befruchtet“ wie eine Eizelle, kehrt dann in die „Gebärmutter“ des Landungschiffs zurück, etc., etc., bis schließlich dann am Ende die Geburt erfolgt und das Alien frei im Weltraum treibt, nachdem die letzte Leine, an der es hing, quasi die Nabelschnur, durchtrennt wurde. Jedenfalls so ungefähr, ist alles nachzulesen in Werner Faulstichs spannend betiteltem Buch „Grundkurs Filmanalyse“, das zu lesen ich für meine Bachelorarbeit die Ehre hatte). Nach dieser Theorie wäre der Film besonders für Männer furchteinflößend, da die eine Urangst vor der Fähigkeit von Frauen empfänden, Kinder zu gebären. Vielleicht auch alles überinterpretiert – interessant ist aber, dass die Aliens in allen Filmen fast immer von Männern „geboren“ werden. Nietzsche benutzt Schwangerschaft oft als Metapher für (seine) Schöpfungs- oder Denkprozesse („Jemand ist schwanger mit der Idee für ein Buch“ etc., ein Künstler, der etwas erschafft, „gebiert“ sein Werk).

Wagner. In Alien Covenenat wird mehrfach das Stück „Einzug der Götter in Walhall“ aus Richard Wagners Oper „Das Rheingold“ gespielt – beispielsweise entscheidet sich der Androide David dafür, als er gebeten wird, zu entscheiden, was er am Klavier spielen möchte. Obwohl sie 1878 miteinander brachen, unter anderem aufgrund von Wagners antisemitischen Tendenzen, waren Nietzsche und Wagner lange Zeit sehr eng befreundet und Nietzsches Werke sind markant von ihm beeinflusst.

Das ständige Schöpfungsthema. Dauernd wird in den Filmen irgendwas von irgendwem erschaffen und umgekehrt: Das außerirdische Volk, dessen versteinertes Exemplar am Steuer des Raumschiffs in Alien sitzt (der „Space Jockey“), scheint das Xenomorph erschaffen zu haben (was dann in Alien: Covenant mehr oder weniger schlüssig anders dargestellt wird), Menschen schaffen immer bessere Androiden, bis die anfangen, sich selbst zu erschaffen (Alien Ressurection). Noch expliziter ist das in den neuen Filmen (Prometheus und Alien: Covenant), dort wird ausgesprochen, was vorher nur im Subtext eine Rolle spielte (in Alien: Covenant antwortet der Androide David auf die Frage, woran er glaube: „an Erschaffung“). Etwas zu erschaffen ist DAS zentrale Thema bei Nietzsche, vor allem, wenn einen das, was man schafft, selbst übertrifft (das neugeborene, halb menschliche Superalien in Alien Ressurection tötet gleich nach seiner erschreckend eklig inszenierten Geburt die alte Alienkönigin).

Die Ursprünge der Menschheit. Zugegeben, die spielen erst ab Prometheus eine Rolle. Nicht nur, dass Nietzsche seine Thesen oft mit der Entwicklung des Menschen belegt, nein, er schreibt auch über die „nächste Stufe der menschlichen Evolution“ – und die ist nicht vorstellbar, ohne an die uns vorangegangenen Evolutionsstufen zu denken. Was das betrifft, erinnert mich Prometheus sehr an 2001: A Space Odyssey, der sich mit derselben Thematik auseinandersetzt – während dort als Musik „Also Sprach Zarathustra“ von Richard Strauß läuft, ein Stück, welches unmittelbar auf Nietzsches gleichnamiges Buch Bezug nimmt.

Blade Runner. Blade Runner? Blade Runner ist ein anderer früher Film von Ridley Scott (erschienen 1982, Alien ist von ´79) und er beschäftigt sich mit Themen, die noch viel klarer Nietzscheesk sind, als der erste Alien-Film. Das hier näher zu erörtern würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen – deswegen lasse ich es auch bleiben.

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Bevor wir uns verzetteln: Worum es mir geht, sind die technischen Komponenten in der grotesken Anatomie des Xenomorphs. Je länger man es betrachtet, desto eher fragt man sich, ob man da ein Lebewesen vor sich hat oder eine Maschine. Es sieht nicht aus wie ein Cyborg, den irgendjemand aus organischen und anorganischen Teilen zusammengesetzt hätte, nein, beide Aspekte gehen fließend ineinander über, teilweise ist gar nicht zu bestimmen, was nach was aussieht.

Diese verstörende Mixtur findet sich in vielen – wenn nicht den meisten – Concept Arts und Gemälden Gigers wieder. Er selbst betitelte seine Entwürfe als „Biomechanoiden“ – sogar den Sandwürmern, die er für Alejandro Jodorowskys leider nie zustande gekommene Verfilmung der Dune-Romane (welche ebenfalls etwas sehr Nietzschiges an sich haben) angefertigt hat, verpasste er seltsam mechanisch aussehende Fangzähne. Hierbei beschränke ich mich aber auf das Alien an sich und seine Rolle innerhalb der Filmhandlung(en).

Das Geschöpf wurde erschaffen und das wirft die Frage auf, wozu. Naheliegend ist zunächst, besonders, wenn man sich Prometheus ansieht, dass es eine Art biologischer Waffe darstellt. Eine fleischfressende Gemeinheit, die man auf seine Feinde hetzt. Soweit ist das auch in sich schlüssig, allerdings mag man sich fragen, ob das wirklich den unnötig komplexen Reproduktionszyklus des Wesens rechtfertigt. Und ob jemand, der über die Mittel verfügt, solch einen frankensteinschen Schrecken zu erwecken, nicht auch einfach eine Bombe bauen oder ein Virus züchten könnte.

Verschiedene Charaktere bezeichnen das Xenomorph als „einen perfekten Organismus“, „geschaffen, um zu überleben“ oder dergleichen. Worin aber besteht seine Perfektion? Wozu soll oder will es überleben? Schließlich tut es doch nichts anderes, als in der Dunkelheit herumzukrauchen und effektvoll Leute zu vertilgen.

Betrachtet man es nun als eine Maschine, die es ja scheinbar zum Teil ist, wird diese Frage noch drängender. Denn eine Maschine hat stets eine bestimmte Funktion, einen konkreten Zweck.

Hier kommt Nietzsche ins Spiel. Eine von dessen wichtigsten Ideen, wenn nicht sogar die zentrale, ist der „Übermensch“. Man denkt bei dem Begriff sofort an etwas Rechtsradikale. Tatsächlich haben die Nationalsozialisten ihre Ideologie häufig mit Nietzsches Denken zu begründen versucht, bei ihm selbst geht es aber um etwas anderes.

Nietzsche war der Ansicht, dass der Mensch in einer Welt, in der er, etwa aufgrund zu vieler wissenschaftlicher Gegenbeweise, nicht mehr an einen Gott glauben kann, keinen Grund mehr hat, zu leben. Kein Ziel und keine Handlung lassen sich wirklich rechtfertigen, wenn man auf jede Begründung ein „warum?“ erwidern kann. Ohne, dass man irgendwann stolz „Weil es eben Gottes Wille ist!“ ausruft, lässt sich das endlos so fortsetzen. Nichts hat wirklich Sinn. Das einzige, was entgegen aller Argumente Bestand hat, ist zu sagen „weil ich das eben so will“ – nur lässt sich das Wollen von irgendetwas meist auf niedere Instinkte zurückführen, weshalb es einem, allemal sich selbst gegenüber, kaum das Gefühl gibt, etwas von Bedeutung zu tun. Und Nietzsche kam zu dem Schluss, dass es für den Menschen auch keinen Ausweg gibt – seiner Meinung nach ist der Homo Sapiens einfach nicht dafür gemacht, ohne höheren Sinn zu leben.

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Der Übermensch nun ist in der Lage, sich selbst einen Sinn zu geben, sein eigener Sinn zu sein, wenn man so will. Dies tut er, indem er sein innerstes Selbst, seine tiefsten Triebe und Wünsche – also das, was er im Verlauf endloser „warum?“-Fragen irgendwann bloß noch mit „Weil es eben so ist“ beziehungsweise „Weil ich eben so bin“ beantworten könnte – als Basis seines Handelns nimmt. Richtig, gut und zu rechtfertigen ist nicht, was Gott verfügt hat, sondern, was den ureigensten Zielen dient.

Entscheidend dabei ist, dass Nietzsche (anders als z.B. Freud!) nicht davon ausgeht, dass diese innersten Ziele in primitivem Vergnügen und einfachen Bedürfnissen wie Essen und Schlafen bestehen. Er geht vielmehr davon aus, dass jeder Mensch eine Art verborgener „Bestimmung“ in sich trägt, wie etwa die unbändige Veranlagung, Bergsteiger zu sein. Oder zu schreiben – Goethe reicht für Nietzsche nah an sein Ideal seines Übermenschen heran.

Der Mensch jedoch ist unfähig, dieser in ihm schlummernden Bestimmung zu folgen, ohne dass er sie mit universellen, göttlichen Gesetzen rechtfertigen kann. Dramatisch ausgedrückt: Während der Mensch nach einem höheren Sinn sucht, sucht der Übermensch einen tieferen Sinn.

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Obwohl diese Weiterentwicklung eher geistiger als körperlicher Natur ist (der Übermensch ist nicht zwangsläufig besonders stark, schnell oder schlau), sieht Nietzsche darin einen evolutionären Schritt, wie den vom Affen zum Menschen.

Zurück zum Xenomorph. Wenn es eine Maschine ist, muss es einen Zweck haben. So wie ein Toaster den Zweck hat, Toast zu toasten, wie ein Rasenmäher Rasen mäht und eine Lampe leuchtet.

Man kann das als simple Formel mit zwei Variablen sehen: A (Maschine) hat B (Zweck).

A = Lampe, B = Leuchten.

A ist das physisch vorhandene Gerät, B ist irgendetwas, meistens eine Tätigkeit oder Aktion, die ausgeführt wird. Nicht so beim Xenomorph.

Dieses ist zunächst A: als physisch vorhandene Killermaschine. Sein Zweck, sein B nun ist … das Xenomorph. Mathematisch gesprochen: Die Funktion ist rekursiv (sie ruft sich selbst auf).

Damit das Sinn ergibt, muss man abstrakt an die Sache herangehen. Wenn B eine Variable ist, für die man irgendetwas (sprachlich gedacht ein beliebiges Wort) einsetzen kann, dann muss das nicht unbedingt ein Vorgang sein, es kann auch ein Gegenstand, ein Ding sein (sprachlich gedacht ein Wort, dass ein Ding bezeichnet).

Um die Sache restlos zu komplizieren: Nietzsche trennt in seinem Denken nicht zwischen Gegenständen und Vorgängen: Da kein Gegenstand ohne Zeit existiert und kein Vorgang ohne Gegenstand, sind beide äquivalent. Man ist, was man tut: Ein Bergsteiger ist, während er bergsteigt, der personifizierte Vorgang des Bergsteigens. Falls man da mitgeht, ist es möglich, das Xenomorph sowohl für A als auch für B einzusetzen. Es ist sein eigener Zweck.

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Warum nun sollte jemand es erschaffen? Nun, weil er selbst aus seiner Sicht keinen Sinn in seinem Dasein sieht und erkennt, dass das Schaffen von etwas, das einen Sinn hat (weil es sich den selbst gibt), gewissermaßen auch seiner eigenen Existenz Sinn gibt.

Dieser Gedankengang findet sich auch bei Nietzsche, der allerdings nicht (unbedingt) meint, dass man ein Monster erschaffen soll, das einen dann frisst, sondern, dass es dem Leben eines Menschen bereits Sinn gibt, darauf hinzuarbeiten, zum Übermenschen zu werden – oder anderen dabei zu helfen.

Für sich genommen braucht das Alien keinen externen Sinn: Würde es nach einem Sinn suchen, wäre das wie eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt (Interessanterweise ist genau dieses Motiv auf dem Cover der sehr billig produzierten DVD-Sammelbox mit den Alien-Filmen zu sehen, die ich vor Jahren erstanden habe: Ein, ohne Gliedmaßen schlangenhaft aussehendes, Xenomorph, das seinen eigenen Schwanz verschlingt – doppelt faszinierend, da Nietzsches wichtigster Ratschlag darin besteht, immer so zu leben, als müsste man dasselbe Leben mit allen Entscheidungen nach dem Tod immer und immer wieder leben…).

Ein mögliches Indiz, das für diese Deutung spricht, ist, dass das Xenomorph, wenn es in einer unvergesslich übelkeitserregenden Prozedur geboren wird, aus einem Menschen hervorgeht, genauer gesagt: aus seinem Inneren, Innersten. Es war einmal er selbst, jedenfalls ein Teil von ihm, ist nun aber etwas anderes. Auch das passt zu Nietzsche, der nicht an etwas glaubte außer an die materielle Wirklichkeit – und daher Körper und Geist als ein einziges Ganzes ansah: Etwas (wie sein übermenschliches Selbst) aus seinem Geist hervorzubringen ist nichts anderes, als es aus seinem Körper hervorzubringen (wie ein Xenomorph).

Ok. Viel abstruses Gerede. Danke an alle, die bis hierher gelesen haben.

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Falls das nun tatsächlich ein valider Ansatz sein sollte, um zu erklären, was am Xenomorph die Leute – oder zumindest manche Leute – fasziniert, bleibt immer noch fraglich, weshalb das funktioniert – schließlich werden die ja nicht alle Nietzsche gelesen oder bewusst so viel in den schaurigen Look eines Filmmonsters aus den 70ern hineininterpretiert haben.

Dazu sei mir gestattet, ein letztes Mal abzuschweifen: Hin zu Carl Gustav Jung. Dieser holde Gesell hatte sich das Ziel gesetzt, mit seinem Denken unmittelbar an Nietzsche anzuknüpfen und dessen mehr oder weniger offen gelassene Frage zu beantworten, wie genau der Mensch über sich selbst hinauswachsen und zum „Übermenschen“ werden kann. Er hat zu diesem Zweck die analytische Psychologie begründet und Unmengen geschrieben – wichtig ist im Xenomorph-Zusammenhang sein Ansatz der sogenannten „Archetypen“.

Ein Archetyp ist ein Konzept oder Prinzip, dass tief im kollektiven Unterbewusstsein der Menschen verankert sitzt (also dem Teil der Psyche, den alle Menschen gemeinsam haben, mit dem sie geboren werden – dort, wo z.B. die natürliche Angst vor Spinnen, Feuer und dem Dunkeln veranlagt ist). Was genau einen bestimmten Archetyp ausmacht, kann nie ganz definiert werden, da das hieße, restlos zu verstehen, wie der Geist funktioniert und wie er sich entwickelt hat. Man kann nur seine Ausprägungen untersuchen, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausfallen, und daraus Rückschlüsse ziehen. Nach Jungs Idee versteht der Mensch Symbole, weil sie die in ihm verborgenen Archetypen ansprechen: Etwa das Symbol der Sonne für Leben, Wiedergeburt, etc..

Jung hat diverse Archetypen definiert – besonders populär ist der „Schatten“, ein Archetyp, der für alles ins Unterbewusstsein verdrängt steht: Ängste, böse Gelüste, Wünsche, die man verspürt, aber nicht wahrhaben will. Sich diesem geheimen Anteil der eigenen Persönlichkeit zu stellen ist für Jung ein wichtiger Schritt dabei, sein innerstes Selbst zu finden. Das spiegelt sich in Symbolen von finsteren Schattengestalten wieder, auch in Filmen muss der Held, um über sich selbst hinauszuwachsen, oft einer solchen Figur begegnen. Klassische Beispiele sind Darth Vader und Lord Voldemort. Der Kern der Sache ist, dass Symbole intuitiv verstanden werden, ohne dass man bewusst über ihre Bedeutung nachdenken muss.

Bevor ich zum Ende komme und dazu, was das Xenomorph mit Jungs Archetypen am Hut (beziehungsweise am deformierten Chitinschädel) hat, möchte ich noch einmal hervorheben, dass Alien und alle anderen Teile der Reihe düstere, pessimistische und ziemlich harte Horrorfilme sind. Wenn das Alien ein Symbol für Nietzsches Übermenschen ist, warum taucht es dann in einem so bedrückenden Kontext auf? Sind die Filme als eine Art Warnung vor Nietzsches Ideen zu sehen, eine Inszenierung davon, die aber nichts als Grauen bietet?

Meine Theorie ist die, dass Giger mit der Gestaltung seines Aliens – willentlich oder nicht – einen weitgehend inaktiven, schlummernden Archetypen (oder ein bestimmtes Zusammenspiel verschiedener Archetypen, etwas Verborgen-Unterbewusstes) in uns angesprochen hat. Er hat etwas ans Licht gebracht, etwas aufgeweckt: und zwar die Furcht davor, nicht das Ende der Entwicklung zu sein. Er hat ein Symbol geschaffen für die grauenhafte Idee, nicht der letzte Schritt der Evolution zu sein … und irgendwann veraltet, überholt, Vergangenheit.

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Malen die Filme nun also ein dunkles Bild? Prophezeien sie unseren Untergang? Kann gut sein. Ihre Handlung lässt kaum eine andere Deutung zu. Selbst das Überwinden der Angst – vor dem eigenen Tod – in Alien³ bietet keinen Trost, bringen wir den kommenden Übermenschen um, so sterben wir mit ihm (Ripley, die Protagonistin des Films, springt am Ende in einen Topf voll geschmolzenem Metall, um das in ihr heranreifende Alien zu vernichten). Der erzähltechnisch letzte Film der Reihe – Alien Resurrection – jedoch endet (jedenfalls in der ungekürzten Fassung) damit, dass die (infolge ihres Todes und ihrer Wiederauferstehung mithilfe einiger Wissenschaftler als Klon) zum Teil selbst zum Xenomorph gewordene Ripley überlebt und zu ihrer Heimat, der alten, mittlerweile verödeten Erde zurückkehrt – wo sie einen neuen Sonnenaufgang erlebt…

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