Der Wille der Mausefalle

Man stößt sich am Türrahmen den Kopf, tritt auf einen Nagel, man klemmt sich die Finger in der Autotür. Das tut weh. Und ergo ist man wütend – was aber natürlich falsch ist. Zwar völlig menschlich, aber falsch. Denn schließlich haben es die Dinge, die einen gebissen und gestochen haben, ja nicht etwa so gewollt. Oder?

In diesem Artikel will ich Gründe liefern, eben doch vor Wut zu kochen, wenn man sich das nächste Mal einen Zeh stößt. Dazu werde ich ein paar philosophische Gedankenspiele bemühen und sie mit frühgeschichtlicher Mystik kombinieren. Ohne Anspruch auf Unwiderlegbarkeit versteht sich.

Warum aber sollte man bittessschön über sowas nachdenken? – Eine berechtigte Frage, die ich vorab gern kurz beantworten möchte: Man sollte über sowas nachdenken, weil man als Mensch ein nach Mustern suchender Primat ist. Was das heißt? Man versucht stets, in allem ein Prinzip zu erkennen. Einen Sinn, wenn man so möchte. Gelingt das, so fühlt man sich wohl.

Das ist (vermutlich) so, weil die Evolution diese Art zu denken seit jeher begünstigt: Wenn ein Gebüsch verdächtig raschelt, kann man entweder von einem bedeutungsvollen Muster ausgehen (das Rascheln ist womöglich ein Tiger!) oder man lässt es bleiben (wohl nur der Wind…). Wer immer und überall Muster vermutet, wird zwar nie herausfinden, ob da nun Untiere lauern oder nicht, doch dafür lebt er länger. Pflanzt sich wahrscheinlicher fort. Und dieser Selektionsdruck besteht nicht erst seit gestern – er hat uns von Anbeginn geformt. Auch heute lohnt sich ein gewisses Maß an Paranoia: Die Spam-E-Mail ist ebenso ein raschelndes Gebüsch wie die dunkle Gasse bei Nacht. Am besten, man schaut gar nicht erst nach.

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Interessant ist dabei, dass ein „bedeutungsvolles“ Muster meist etwas mit einem Willen ist (der Tiger will einen fressen, der Absender er Spam-Nachricht etwas verkaufen, etc.). So kommt es, dass man Dingen mit einer bestimmten Absicht mehr Relevanz beimisst – und ein noch stärkeres Erfolgserlebnis hat, falls man sie entdeckt oder zu entdecken glaubt. Diese Tendenz ist sicher auch im Zusammenhang mit Religion und Aberglaube ein spannender Denkanstoß, doch darum soll es hier nicht gehen. Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem empfehle ich diesen TED-Talk von Michael Shermer.

Um zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Warum nun sollte man die heiße Herdplatte verfluchen? Inwiefern hat das Miststück einen absichtlich verbrannt?

Im Folgenden beziehe ich mich auf zwei umfangreiche Denkmodelle, den Determinismus und den Animismus.

Der Determinismus ist eine – durchaus umstrittene – Weltauffassung, die besagt, dass alles, was geschieht, vorherbestimmt ist. Jedes Ereignis hat bestimmte Ursachen, die wiederum bestimmte Ursachen haben. Würde man alle Fakten kennen, wäre man theoretisch in der Lage, die Zukunft präzise vorherzusagen. Natürlich ist das Universum viel zu komplex, um es vollständig zu durchschauen, es geht dabei eher um die Erkenntnis, dass alles einem festen Pfad folgt. Das Leben läuft ab wie ein Film, man kann nichts an seinem Verlauf ändern.

Auch die Gedanken, die man denkt, sind vorbestimmt, nur das Ergebnis kausaler Zusammenhänge. Das wird besonders deutlich, wenn jemand begreift, dass sein Handeln vorbestimmt ist und daraufhin versucht, von seinem Pfad abzuweichen: schließlich tut er das eben aus dem Grund, dass alles vorherbestimmt ist – wählt er nun einen anderen Pfad, als den, den er ohne diese Erkenntnis gewählt hätte, so ist genau das sein ihm von vornherein vorherbestimmter Pfad. Verfechter dieser Denkweise fassen das oft in der klangvollen Phrase „Der freie Wille ist tot“ zusammen.

Wissenschaftlich ist das alles nicht zwangsläufig belegt, die wichtigste Gegenposition zum Determinismus ist die Quantenmechanik – welche allerdings an die Stelle der Kausalität spontane Zufälle setzt, was den menschlichen Willen dann auch nicht freier macht.

Sieht man die Dinge von einem religiösen Standpunkt aus, ist das natürlich komplizierter und auch wenn nicht, kann man griffige Gegenargumente finden (trifft man seine Entscheidungen denn nicht bewusst? Generell … was ist eigentlich Bewusstsein und wie passt das mit einer vorbestimmten Welt zusammen?). Auch gibt es eine Reihe faszinierender Kompromisslösungen wie den Hinduismus und die antike Stoa – danke Lateinunterricht! – doch an dieser Stelle gehe ich vom klassischen Bild einer fest vorbestimmten Wirklichkeit aus.

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Das zweite für uns relevante Ideenkonstrukt ist der Animismus, eine sehr alte Form von Religion. Vielleicht ist es sogar die Älteste, nach heutigem Stand der Forschung waren die ersten Jäger und Sammler Animisten. Anders als etwa der Polytheismus oder Monotheismus geht es in einer animistischen Weltvorstellung nicht (nur) um Götter. Die Kernidee ist die, dass jedes Lebewesen oder Ding beseelt ist: das Reh, der Baum, der große Fels.

Der Mensch ist anderen Geschöpfen – und Sachen – nicht über- oder unterlegen. Natürlich kann er einen Hirsch kaltmachen und sein Fleisch essen, doch das kann z.B. ein Wolf auch und wenn der Hirsch sich fangen lässt, gebührt ihm Dankbarkeit. Dasselbe gilt für die Quelle und den Sonnenschein.

Schön an dieser Art, die Welt zu sehen, ist, dass sie weder unbelebt noch sinnlos ist – ohne, dass es eine übermenschliche Gottesgewalt bräuchte, um ihr Bedeutung einzuhauchen.

Mehr dazu (und darüber, wieso irgendwann Götter aufgekreuzt sind) findet man in dem famosen Buch Sapiens (von Juval Noah Harari, ISBN: 978-3-570-55269-8).

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Soweit, so gut. Was aber haben der Geist des großen Flusses und die Unabwendbarkeit der Zukunft miteinander zu schaffen?

Hier kommen nun wieder die Philosophen ins Spiel, genau genommen Schopenhauer. Dessen Denken dreht sich um die Frage, was eigentlich als wirklich angesehen werden kann, wenn alles, was der Mensch erlebt, nur die Verarbeitung von Informationen seiner Sinnesorgane im Gehirn ist. Auch wenn man die Sinnessorgane durch wissenschaftliche Methoden erweitert, etwa, indem man durch ein Mikroskop blickt, ist man letzten Endes auf die eigenen Sinne (im Fall des Mikroskops das Auge) angewiesen. Und denen kann man nicht wirklich trauen – alles, was man erlebt, könnte auch im eigenen Geist entstehen, könnte Einbildung sein. Bestenfalls ist es eine subjektive Interpretation der Welt.

Als wirklich gelten kann nach Schopenhauer alles in allem nur der eigene Wille, das, was einen im Innersten antreibt. Ist dieser nun die „Ursache“ der eigenen Existenz, so muss es bei anderen Menschen, Tieren oder unbelebten Objekten (falls sie eben nicht nur Illusion sind) genauso aussehen. In anderen Worten: Wenn etwas existiert, dann, weil es existieren „will“.

Um das zu verstehen ist wichtig, dass dieser Wille nicht frei sein muss. Auch falls vorherbestimmt ist, dass man etwas will, will man es ja in dem Moment trotzdem. Man kann sogar so weit gehen (Nietzsche z.B., der in vielem auf Schopenhauer aufbaut, tut das), zu sagen, dass der Wille auch ohne Bewusstsein besteht, beziehungsweise, dass er von diesem unabhängig ist.

Wenn man im Sommer an einem Eiswagen vorbeiläuft und plötzlich den Willen in sich verspürt, ein Eis zu essen, dann ist das ja nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung (man kommt ja nicht im Zuge einer logischen Überlegung zu dem Ergebnis, jetzt ein Eis essen zu wollen), sondern vielmehr von fremden, möglicherweise vorherbestimmten Ursachen (wie z.B., dass da ein Eiswagen steht).

Ein Eis zu wollen ist genauso das Resultat einer Ereigniskette, wie wenn im Wald ein Baum umfällt, weil ihn ein Sturm umbläst – und umgekehrt kann man es so betrachten, dass der Sturm den Baum umblasen wollte.

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Zusammengefasst: Jede warum auch immer wirkende Kraft ist eine Form von Wille.

Nun kann man zu dem Schluss gelangen, dass sämtliche Urteile – auch über andere Menschen und sich selbst – hinfällig sind, wenn doch alles Verhalten vorbestimmt ist. Das ist aber Ansichtssache und wenn man sich entschließt, weiter über menschliches Handeln zu urteilen (und sei es nur auf der Grundlage, das eben tun zu wollen…schließlich macht es das Leben auch viel spannender), dann sollte man so konsequent sein, auch über unbelebte Gegenstände Urteile zu fällen.

Der Türrahmen will einem die Beule verpassen, der Nagel will ein stechendes Drecksschwein sein und wenn die Autotür Hände hätte, würde sie sich die vor Schadenfreude reiben.

Genauso will einem die köstliche Mahlzeit etwas Gutes tun und der romantisch funkelnde Sternenhimmel will romantisch vor sich hin funkeln.

Zwar sind die Dinge nicht wirklich beseelt im animistischen Sinn, es gibt (hoffentlich) keinen schelmischen Geist der Herdplatte, den man besänftigen muss, aber das kann man sich viel besser vorstellen als die abstrakte Kraft des Willens.

Möchte man also seinen Alltag durch den Denkansatz bereichern, dass jedes Ereignis um einen herum in gewisser Weise willentlich erfolgt, dann geht das weitaus einfacher, indem man zu einer Denkhilfe greift und den Dingen Persönlichkeiten oder konkrete Absichten zu unterstellen.

Selbstredend sollte man im Hinterkopf behalten, worauf das alles fußt – ernsthafter Geisterglaube liegt mir fern – es ist bloß eine ästhetische Betrachtungsweise, die interessante Perspektiven eröffnet.

Um mit einer theatralischen Formulierung abzuschließen: Obwohl man selbst mit dieser Weltsicht etwas weniger „lebendig“ wird, haucht man allen andren Dingen Leben ein…

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