Beantwortung der Frage: Was ist metamodern?

Im einen oder anderen Artikel dieses „Blogs“ spukt der Begriff „Metamoderne“. Mein Fachwerk Jenseits des Postmodernen: Die Geburt der Metatragödie setzt sich ebenfalls damit auseinander: im Wesentlichen wird in dem Buch eine metamoderne Genretheorie entworfen. Viele meiner Kurzgeschichten und Romane loten in gewisser Weise Potenzial und Gefahren des Konzepts aus. An dieser Stelle finden Sie eine kurze Einführung in die Thematik.

Die Metamoderne knüpft an die „Postmoderne“ an. „Postmoderne“ ist ein weit gefasster Sammelbegriff für eine Reihe verschiedener Denkansätze ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die oft für sich in Anspruch nehmen, passende Beschreibungen für den vorherrschenden Zustand der (westlichen) Gesellschaft zu liefern. Ein populäres Beispiel wäre etwa Jean-François Lyotards Essay: Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?

Der rote Faden der Postmoderne (als Epochenbegriff) bzw. des Postmodernismus (als philosophische Diagnose desselben) besteht in dem Zweifel an „Narrativen“. Damit gemeint sind vor allem „große Erzählungen“ darüber, wie die Welt angeblich ist oder sein sollte: z.B. Ideologien, Religionen oder philosophische Systeme. Zugleich können aber auch „kleine“ Erzählungen wie einzelne Romane, Filme oder z.B. der Artikel, den Sie gerade lesen, als „Narrative“ in diesem Sinne verstanden und entsprechend dekonstruiert werden: durch die jeweils erzählten Geschichten (oder Argumentationen, die, wenn man an ihnen zweifelt, ggf. letztlich auch „nur“ Geschichten sind) und die Art, wie sie erzählt werden, werden implizit auch immer bestimmte Weltbilder vermittelt.

Beispielsweise ließe sich Tolkiens The Lord of the Rings (und vergleichbaren Werken der epischen Fantasy) unterstellen, implizit das Narrativ eines „gerechten Krieges“ gegen einen „absolut bösen“ Feind zu entwerfen. Zwar wäre hanebüchen, den Roman als direkte Metapher z.B. für den Zweiten Weltkrieg zu deuten; allerdings wird in der Erzählung potenziell die Möglichkeit eines kompromisslosen Konflikts in Betracht gezogen und diese lässt sich natürlich auch im Sinne weniger phantastischer Ideologien ausschlachten (allerdings kann durchaus argumentiert werden, dass zunächst einmal Sauron und seine Orks einen vermeintlich gerechten und daher totalen Krieg führen, gegen welchen die übrigen Völker sich „bloß“ zur Wehr setzen; die eigentliche Frage wäre, wie die Menschen, Elben, Zwerge und Hobbits nach Saurons Sturz mit den Orks verfahren. Werden diese in Umerziehungslagern interniert, ihrer Kultur beraubt oder schlichtweg ausgemerzt? Werden sie vertrieben oder wird ihnen erlaubt, ihre alten Territorien abzüglich kürzlich eroberter Regionen – wie der Stadt Osgiliath – zu behalten und dort selbstverwaltete Königreiche oder gar demokratische Volksrepubliken zu errichten: ggf. unterstützt durch einen elbischen Marshall Plan und mit gondorianischen Militärstützpunkten auf ihrem Gebiet? Allemal in The Lord of the Rings bleibt diese Frage weitgehend unbeantwortet. Effektiv lässt sich vielen postmodernen Dekonstruktionsbestrebungen eine eigenwillige Unwilligkeit unterstellen, Ambivalenz als solche gelten zu lassen. Der Kampf gegen absolute Kategorien neigt häufig selbst dazu, die Welt nach solchen ordnen zu wollen).

Inbegriff modernistischer Architektur: Bauhaus. Die Welt – wenigstens die Zukunft – scheint klar und ordentlich.

Nach Sicht der Postmoderne aber ist es sehr schwierig bis unmöglich, objektiv richtige Aussagen über die Wirklichkeit zu formulieren. Beispielsweise, weil diese zu komplex ist, um sie mit irgendeiner ganzheitlichen Theorie zu erfassen, weil Menschen mit Absicht oder aus Instinkt dazu tendieren, die Wahrheit im Sinne ihrer jeweiligen Interessen zu biegen oder weil z.B. jede:r im Laufe seines Lebens andere Erfahrungen macht und spätere Erlebnisse dann auf Basis dessen auch abweichend empfindet. Oder weil Sprache performativ das Denken formt. Oder, oder.

In seinen besonders radikalen Ausprägungen bedeutet Postmodernismus, zu bestreiten, dass es überhaupt eine objektive Wahrheit gibt: sondern nur Meinungen und Standpunkte. Bzw. nur vorgeschobene Behauptungen, die dazu dienen, die jeweiligen Machtansprüche zu legitimieren. Ganz so, wie die Partei des „Englischen Sozialismus“ (bzw. „EngSoz“) in George Orwells 1984 proklamiert („Wenn die Partei sagt, dass 2 + 2 nicht 4 ist, dann ist 2 + 2 auch nicht 4!“ ), um dann die Sprache dahingehend neuzugestalten, dass überhaupt nur noch ihre „Wahrheit“ damit ausgesprochen werden kann („Neusprech“). Effektiv lesen sich manche durchaus ernst gemeinten postmodernen Thesen wie unfreiwillige Fan-Fictions zu 1984, in denen dann teils schwindelerregend komplizierte Argumentationen zusammengestellt werden, weshalb die EngSoz-Partei zwar im Wesentlichen soweit „richtig“ liegt, dass es kein Falsch und Richtig gibt, man aber trotzdem nicht einfach nach Gutdünken festlegen kann, was „erlaubt“ ist und was „verboten“. Oder dass man deswegen z.B. Kommunist:in sein sollte, wie Lyotard in besagtem Essay für sich beschließt. Charakteristisch für postmodernes Denken ist jedenfalls, dass sich ein gewisser Zynismus und völlig gegenläufiger Idealismus paradox bedingen.

Nicht alle postmodernen Theoreme gehen so weit. Postmodernismus ist mehr Diskurs als Programm. Manche Lebensbereiche sind im Zusammenhang desselben Gegenstand heftiger Diskussionen geworden: z.B., inwieweit genau sich klar unterscheidbare Geschlechter, Geschlechterrollen und sexuelle Orientierungen (nicht) definieren lassen. Als representative Denkschule aus dem Umfeld der Postmoderne lehnt der „Poststrukturalismus“ ganzheitliche Erklärungsversuche und Lösungen ab zugunsten einer kleinteiligeren Auseinandersetzung mit Aspekten des Ganzen; dies könnte etwa bedeuten, sich dem Kampf gegen spezifische Formen von kulturellem Rassismus zu widmen, statt diesen insgesamt als Folge kapitalistischer Produktionsweisen anzusehen und als dialektische Konsequenz ein Utopia nach dem Rezept toter bärtiger Typen errichten zu wollen. Bleibt zu entscheiden, wie kleinteilig.

Was auch immer jeweils genau mit „Postmoderne“ gemeint ist: diese wird stets als Zeit nach, Kritik an oder Abkehr von „der Moderne“ begriffen. Demnach ist die Moderne nicht einfach der Begriff für die Zeit, in der wir jetzt gerade leben, sondern eine bereits abgeschlossene und im Nachhinein als Ganzes untersuchbare Epoche – respektive eine Epoche, die es noch zu beenden gilt oder schlicht eine Sammlung bestimmter Weltanschauungen. Und dieser zugeschrieben wird das allgemeine Vertrauen in „Narrative“ – die im Falle „großer Erzählungen“ aber nicht als solche erkannt werden.

Um zum Punkt zu kommen: inzwischen finden sich viele Denkansätze, laut denen das Konzept Postmoderne seinerseits nicht mehr (ganz) geeignet ist, zu beschreiben, in welchem Zustand sich die Gesellschaft befindet oder befinden sollte. Ein solcher Ansatz ist die „Metamoderne“ – ursprünglich definiert von den beiden Niederländern Timotheus Vermeulen and Robin van den Akker im Rahmen ihres Onlinemagazins Notes on Metamodernism. Der Kerngedanke besteht darin, dass (viele) Menschen längst verinnerlicht haben, Narrativen mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen – und nun, statt nur zu zweifeln, reflektierter bzw. kompetenter damit umgehen als in der früheren Moderne. Bzw. dass sie das könnten oder sollten. Dass man Erzählungen nicht einfach glaubt, sondern bloß unter Vorbehalt und aus extrinsischen Motiven.

Um das Ganze in eine Metapher zu wickeln: ein treffliches Bild für das Verhältnis der Moderne zu ihren Narrativen wäre ein Leuchtturm. Weltanschauungen (wie z.B. der Kapitalismus, der Kommunismus, der Existenzialismus usw.) ragen unverrückbar über allem auf und bieten Orientierung in den Stürmen des Lebens. Aus Sicht der Postmoderne gäbe es entweder gar keine Leuchttürme oder ihnen wäre nicht zu trauen, da es sich vielleicht um Irrlichter handelt, die zu gefährlichen Klippen locken. Die metamodernen Leuchttürme nun wären gewissermaßen invertiert: zwar leuchten sie mit übler Absicht, doch wenn man clever ist, kann man durchschauen, wohin sie einen führen wollen und diese Stellen dann unterm Strich trotzdem besser umschiffen, als wenn es völlig dunkel wäre. Sie bieten indirekt Orientierung, Meta-Orientierung. Yo-ho-ho, beim Klabautermann!

Als praktisches Beispiel: nehmen wir an, Sie werden arbeitslos. Nun bieten sich verschiedene Narrative an, um zu erklären, was genau warum passiert ist und wie Sie entsprechend reagieren sollten. Ein mögliches „linkes“ Narrativ wäre, dass Sie zum Opfer eines menschenfeindlichen Wirtschaftssystems geworden sind und sich fortan mit den Werktätigen dieser Erde solidarisieren sollten, um eben jenes zu verändern. Ein mögliches „liberales“ Narrativ wäre, dass Sie eben nicht gut genug waren – jetzt aber neu durchstarten und alles erreichen können, wenn Sie sich nur gehörig anstrengen. Ein mögliches „rechtes“ Narrativ wäre, dass „diese gottverdammten Ausländer schuldig haben und ein guter Patriot wie Sie sowieso keine Arbeit finden kann, solange die Schweine ungehindert hier bei uns einmarschieren!“

Vielleicht kommt eins davon der Wahrheit näher als die anderen. Vielleicht ist die Lage auch viel komplexer, als einer der drei Interpretationsversuche ihr zugesteht. Vielleicht hat eine Politik im Interesse des Wirtschaftssystems einen gewaltigen Niedriglohnsektor geschaffen, welcher den Druck auf Arbeitnehmer:innen verschärft, während die Auswirkungen selbigen davon gestärkten Systems Menschen anderswo gleichsam zwingen, als Immigrant:innen ihre Heimatländer zu verlassen, was die Konkurrenz im Niedriglohnsektor und somit auch darüber hinaus noch weiter steigert, um gleichzeitig Sündenböcke zu liefern, die von den tatsächlichen Ursachen ablenken – und Sie haben sich im Vergleich zu Ihren Koleg:innen schlecht angestellt, weshalb Sie nun zu den Verlierer:innen der ganzen Sache zählen anstatt zu den Profiteur:innen. Vielleicht sieht es auch gänzlich anders aus – so oder so wäre auch dies ein Narrativ.

Wie nun eins davon aussuchen? (Nach postmodernem Verständnis) Modern wäre, demjenigen Narrativ zu glauben, dessen Argumente Ihnen am überzeugensten vorkommen – oder von dem schon Ihr Großvater immer gesagt hat, dass es sich nämlich so und nicht anders verhält. Postmodern wäre, die Narrative kritisch zu hinterfragen und dann zu dem deprimierenden Schluss zu gelangen, dass alle drei Sie manipulieren möchten – wahlweise im Interesse der Armen, der Reichen oder der Faschisten (letztlich aber vermutlich ebenfalls der Reichen). Metamodern wäre, stattdessen zu überlegen, welche praktischen Folgen es hätte, den Erklärungsversuchen zu glauben, anhand dessen zu entscheiden und dann zeitweilig SO ZU TUN, als würden sie auf das jeweilige Narrativ hereinfallen.

Im Fall des „linken“ Narrativs werden Sie sich vermutlich nicht selbst die Schuld geben, was wohl am Besten für Ihren Gemütszustand wäre: allerdings werden Sie sich im Folgenden ggf. eher der Weltrevolution widmen als mit voller Kraft der anstehenden Jobsuche. Das „liberale“ Narrativ wird Sie gehörig motivieren, sie werden anfangen, an sich zu arbeiten, mit Volldampf Bewerbungen schreiben oder direkt Ihr eigenes Imperium aufbauen – allerdings besteht die akute Gefahr, dass Sie zehn Fitness-Apps abonnieren, Ihr ganzes Erspahrtes in Kryptowährungen stecken und keine Zeit mehr haben, Essays über Medientheorie zu lesen. Das „rechte“ Narrativ wird Sie keinesfalls ermuntern, da sich die Anstrengung „unter der linksgrünversifften Meinungsdiktatur des Deep States ja ohnehin nicht lohnen tut“. Stattdessen werden Sie mit Gleichgesinnten in Kneipen versauern, sich nach dem Vorbilde Meister Propers frisieren, zunehmend radikale Ansichten hegen und schließlich vielleicht das eine oder andere Flüchtlingsheim anzünden, wobei Sie mit Glück erwischt werden, um abschließend im Knast zu landen.

(A) und (B) sind offenkundig erfolgversprechender als (C). Ob nun jedoch (A) Ihnen mehr zu bieten hat oder eher (B) hängt dabvon ab, welche Chancen Sie (so) realistisch (wie möglich) betrachtet haben, mit Ihren Qualifikationen der Arbeitslosigkeit zu entrinnen und/oder wo Sie Ihre Prioritäten setzen. Natürlich können Sie auch mischen: verkünden Sie lauthals, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt, gründen Sie ihre Firma und engagieren Sie sich in Ihrer Freizeit trotzdem für die Errichtung einer besseren Gesellschaft: statt darauf zu hoffen, das Elon Musk Sie irgendwann mit zum Mars nimmt, um ihre Dogecoins dort den Tripoden zu verkaufen.

Künftiger Blockchain-Milliardär, potraitiert 1906 von Henrique Alvim Corrêa, für eine frühe Ausgabe von The War of the Worlds

Robert Boehm, Leipzig, 14.02.2022. Letzte Revision am 22.02.2022.

Bildquellen: Pixabay.com, Wikimedia Commons, eigene Abbildung


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