Abgrenzung: Metamoderne à la Freinacht

Kirche in Blonduos, Ísland / Public Domain, Marco Verch via Flickr

In diesem Artikel möchte ich eine kurze begriffliche Abgrenzung vornehmen – zudem soll der (künftige) Gebrauch gewisser Termini spezifiziert werden. Anlass ist die Empfehlung eines Lesers dieses „Blogs“, dank derer ich kürzlich auf die (fiktionale) Person Hanzi Freinacht und deren Konzept der „Metamoderne“ aufmerksam wurde – zunächst einmal besten Dank dafür!

Wie sich geneigte Leser:innen erinnern, habe ich mich selbst in einigen Artikeln des „Blogs“ (hier, hier und hier) und einem Fachwerk (hier) mit dem – einem! – metamodernen Ansatz auseinandergesetzt. Freinachts „Metamodernismus“ war mir zuvor in keiner Form geläufig, in meiner bisherigen Beschäftigung mit der Thematik baue ich weder darauf auf noch war es mir bewusstes Anliegen, einen dezidierten Gegenentwurf zu liefern.

Vielmehr knüpfe ich an die Verwendung des Begriffes durch die zwei Niederländer Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker an, hauptsächlich deren initialen Essay Notes on Metamodernism – ursprünglich erschienen 2010 – sowie das zwischen 2009 und 2015 herausgegebene gleichnamige Onlinemagazin. Auch Freinacht nimmt darauf Bezug; wie Vermeulen und van den Akker selbst festhalten, waren sie zudem nicht die ersten, die im einen oder anderen Zusammenhang von „Metamoderne“ sprachen.

„Hanzi Freinacht“ ist ein Pseudonym, eine nicht-existente Person als deren Gesicht die Urheber (der Soziologe Daniel Görtz und der Kunsttheoretiker Emil Ejner Friis – aber tun wir ruhig im Geist der Sache so, als hätte man es mit mysteriösen Unbekannten zu tun!) Photos vom kanadischen Model Paul Mason verwenden (seinerseits besser bekannt als „Fashion Santa“). Laut „eigenen“ Angaben so etwas wie ein Mix aus Nietzsche und seinem Zarathustra – ein wanderlustiger Philosoph, der sein Unwesen hauptsächlich in den schweizer Alpen treibt: wo er zudem einen wohlbetuchten Gönner gefunden hat, dessen Zuwendungen ihm ein sorgloses Denker-Dasein ermöglichen; vermutlich wiederum der Grund für unverdrossenes Schreibvergnügen – statt Wahnsinn wie beim echten Nietzsche. Von diesem Hanzi sind bislang zwei Bücher erschienen (dies und auch das hier), zudem veröffentlicht er hochfrequent auf seinem Blog. Sie können ihm auch auf allerlei sozialen Medien Gefolgschaft leisten.

Zum Zeitpunkt, da ich dies niederschreibe, habe ich ein wenig im Freinacht-Blog gestöbert und die ersten paar Kapitel im ersten der fraglichen Bücher gelesen (bzw. als Audio-Book gehört…). Drum möchtest ich hier (noch) keine vorschnelle Stellungnahme zu Hanzi und seinen Positionen abgeben.

Teile des bislang Gelesenen halte ich für fraglich: etwa die These, dass das Gesellschaftsmodell der skandinavischen Staaten (primär) aufgrund kultureller Tendenzen (und nicht etwa dank der Kombination reichhaltiger Bodenschätze, einer günstigen Lage im Norden Europas und gemessen an der Fläche verschwindend geringer Bevölkerungszahlen) zu extrem fortschrittlichen und glücklichen Gesellschaften führt und sich dank des entsprechenden „Wettbewerbsvorteils“ mehr oder weniger unausweichlich verbreiten wird, klingt für meinen Geschmack etwas zu sehr nach Wunschdenken, erinnert allemal stark an Francis Fukuyamas (wohl spätestens von Putins Einmarsch in der Ukraine drastisch infrage gestellte) Idee vom Ende der Geschichte bzw. dem Weg nach Dänemark. Anderen Aspekten würde ich mich für meinen Teil durchaus anschließen, etwa dem Gedanken, dass demokratische Staaten autoritären Regimen in Sachen ökologischer Großbauvorhaben nicht resignativ das Feld überlassen sollten – man denke ans hinreißend grüne Stadtbild Singapurs oder Saudi-Arabiens frisch angedachte Planstadt „The Line“).

Soweit ich dies gegenwärtig feststellen kann, stehen auch Freinachts Denken und dass von Vermeulen und van den Akker nicht zwangsläufig in direktem Konflikt zueinander. Freinacht scheint unter der „Metamoderne“ ein (positiv zu bewertendes und daher zu verbreitendes) philosophisches System bzw. eine politische Agenda zu verstehen – und keine wertfreie Diagnose der gegenwärtigen Epoche bzw. bestimmter kultureller Strömungen in selbiger wie die Niederländer – denen es explizit nicht darum bestellt ist, proaktiv eine (neue) Philosophie zu entwerfen.

Falls Sie nun fordern, dass ich mich selbst positioniere: ich baue nicht nur auf Vermeulen und van den Akkers Überlegungen auf sondern würde mich ihrem Ansatz nach wie vor anschließen. „Die Metamoderne“ ist, wenn Sie mich fragen, nichts (rein) zukünftiges, sondern ein kulturelles Phänomen, dass (ca.) ab Beginn des 21. Jahrhunderts (vermutlich) zunehmend das Denken und Leben „westlicher“ oder vielleicht sogar weltweiter Gesellschaften prägt. Eine gewisse Form des (bewussten oder auch unbewussten) Umgangs mit und Verhältnisses zu Narrativen (wie hier im ersten Artikel zum Thema grob umrissen). Wie ich in meinem fraglichen Fachwerk auseinandersetze, hilft diese zwar tendenziell dabei, Sinnkrisen zu überwinden, kann jedoch sowohl positive als auch negative Gestalt annehmen (beispielsweise entsprechen die beiden Christoph-Waltz-Figuren in den Filmen Tarantinos archetypisch metamoderner Gesinnung – welche einmal darin zum Ausdruck kommt, sich zu opfern, um gegen die Sklaverei aufzubegehren, und einmal darin, im Auftrag Hitlers Juden zu jagen). In jedem Fall finden sich nicht erst seit morgen Artefakte, die metamodernen Charakter aufweisen. Nicht nur benennen Vermeulen und van den Akker in ihrem Online-Magazin zahlreiche entsprechende Kunstschaffende und sonstige Akteur:innen, es finden sich auch zahlreiche Erzählungen in diversen Medien, die der in meinem Buch zum Thema vorgenommenen, sehr viel enger gesteckten Definition eines speziell metamodernen Genres entsprechen.

Ist also von „der Metamoderne“ die Rede, meine ich damit die zivilisatorische Epoche, in der wir uns befinden – bzw. die für jene (teilweise) charakteristische Mentalität. Selbstredend kann man diese ihrerseits zum Ideal erheben oder auch bloß für unterm Strich begrüßenswert ansehen; beispielsweise hat Luke Turner 2011 ein entsprechendes Manifest verfasst. Entsprechend zum Dogma bzw. Ismus erhoben (Sie wissen schon, Kommunismus, Dadaismus, Utilitarismus…), möchte ich das Phänomen fortan als „Metamodernismus“ bezeichnen.

Offensichtlich kann Metamodernismus unterschiedliche Formen annehmen (wie schon im zweiten Artikel zu Metamoderne/Metamodernismus am Beispiel von Skyfall dargestellt). Hanzi Freinachts Metamodernismus ist eine solche Form. Die Möglichkeit etwaiger noch zutage tretender Interferenzen berücksichtigend möchte ich mich prophylaktisch von dieser Form distanzieren und geneigten Leser:innen im Folgenden einen sehr kurzen Abriss des – seinerseits nur in bestimmten Varianten positiv zu bewertenden – Potenzials bieten, das meiner persönlichen Vorstellung von Metamodernismus zugrundeliegt.

Senet-Spiel, aus der Gruft Tutanchamuns / Public Domain, via Wikimedia Commons

Prägende Mentalität der Metamoderne ist „informierte Naivität“: trotz (postmoderner) Zweifel an Gott und der Welt (zeitweilig) so tun, als ob man an bestimmte Werte, Wahrheiten, die Erreichbarkeit hehrer Ziele und so weiter glaubt – bzw. nur unter kritischem Vorbehalt daran glauben. So tun als ob wiederum ist für essenzielle Denker:innen im Bereich der Spieleforschung – z.B. Johan Huizinga, Roger Caillois und Jean Piaget – (ein) Kernkriterium von Spielen. Dies nun gibt dem metamodernen Umgang mit Narrativen bzw. dem Leben in der Metamoderne generell implizit spielerischen Charakter, wenigstens in gewissem Umfang. Ob (bestimmte) Spiele gut oder schlecht sind, hängt stark vom individuellen Geschmack ab – ist „zielgruppenabhängig“. Jedoch bietet Mihaly Csikszentmihalyis Flow-Theorie ein recht valides Kriterium zur Bewertung, ob bestimmte Spiele bestimmten Spieler:innen zusagen – Flow-Zustände sind in extremer Ausprägung gar medizinisch messbar. Entsprechend kann Metamodernismus bedeuten, die Lebensumstände von (falls sie eine soziale Ader haben: möglichst vielen) Menschen dahingehend zu verändern bzw. ihnen die nötigen Mittel an die Hand zu geben, um ihr Leben möglichst spielerisch zu gestalten bzw. um möglichst häufig in Flow zu geraten (wie hier gegen Ende bereits angesprochen).

Nein: „spielerisch“ soll natürlich nicht bedeuten, Feedback in Form simplizistischer „Gamification“ im Sinne von Lohn- und Strafpunkten zu oktroyieren – wie etwa beim chinesischen Sozialkredit-System oder Amazons Versuchen, unterbezahlte Logistik-Jobs in lustigen Fantasy-Abenteuern zu verpacken.

Ja: das alles lässt sich als kompliziertes Argument für beispielsweise Bildung, soziale Absicherung (wenn Sie so möchten: die Chance auf „Restarts“), Rechtsstaatlichkeit („nachvollziehbare Spielregeln“), Pazifismus und Klimaschutz (Die Meta-Perspektive von Flow lässt Ihren faden Oldschool-Nihilismus sinnlos erscheinen – jetzt haben Sie wirklich besseres zu tun, als zwischen Waldbränden und Panzerkolonnen hin und her zu flüchten!) etc. lesen. Oder aber völlig anders, gar gegenteilig – allerdings wären entsprechend „alternative“ Lesarten nicht „mein“ Verständnis von Metamodernismus. Zudem sei angemerkt, dass eher „undemokratische“ Zustände sowohl dazu tendieren, nur (vergleichsweise) Wenigen ein spielerisches (Er)Leben zu ermöglichen („Must be funny / In the rich man’s world“) als auch dazu, dies generell nur auf absehbare Zeit zu tun (wie oben angesprochen lässt sich Tarantinos Waltz-Figur des „Oberst der SS Hans Landa“ in Inglouriuous Basterds als Inkarnation der – aufgrund einer gewissen damit einhergehenden Sogkraft durchaus gefährlichen – These lesen, dass manche Anhänger des Nazionalsozialismus diesen weniger als ernstzunehmenden Weg zu einer vermeintlich wünschenswerten Zukunft angesehen haben, sondern vielmehr als eine Art großes böses Spiel – ähnlich der Motivation des Antagonisten in der populären Serie Squid Game; allerdings neigen sadistische Spiele dieser Art dazu, allzubald ihren spielerischen Charakter zu verlieren, wie auch Hans Landa letztlich lernen muss).

Kirche von Lauritsalan, Finnland / Public Domain, via Wikimedia Commons

Um abschließend ein konkretes Beispiel zu bieten und etwas informierte Naivität im Sinne eines indirekten „Meta“-Humanismus zu wagen: futuristische Sakralbauten, speziell im skandinavischen Raum. Ja, genau. Wie Yuval Harari im Gespräch mit Slavoj Žižek (beides recht metamodernistisch argumentierende Influencer – siehe Jenseits des Postmodernen) auf den Punkt bringt, neigen die Anhänger:innen beliebiger Religionen dazu, die eigentlichen Werte derselben aus den Augen zu verlieren, je fanatischer sie glauben. „Christliche“ Nächstenliebe werden Sie eher bei moderaten Gläubigen antreffen als bei evangelikalen Trump-Wähler:innen und Kreuzfahrern. Im Umkehrschluss: Glaube (an religiöse Narrative…) ist authentischer, je weniger verbissen er praktiziert wird.

Nun würde man es sich etwas zu leicht damit machen, als Gegenteil von Verbissenheit pauschal Spiele heraufzubeschwören (Spielen kann durchaus eine ernste Angelegenheit sein, die richtiggehend dazu verleitet, sich mit Ingrimm darein zu verbeißen). Stattdessen sei noch einmal Johan Huizinga zitiert; in dessen Homo Ludens stellt er die These auf, dass menschliche Kultur und speziell Religion grundsätzlich spielerischen Ursprungs ist. Stark vereinfacht: archaische Gesellschaften haben z.B. ihre spirituellen Riten eher gespielt als sie mit der vernagelten Stupidität betrieben, die neuzeitliche Anthropologen ihnen gerne unterstellen; Schamanen haben eher so getan, als ob sie mit den Geistern sprechen und diese gar verkörpern, wenn sie geschnitzte Masken aufsetzen – so wie moderne Väter (in der Regel) nur so tun, als ob sie der Weihnachtsmann sind, solange sie zur Erheiterung der Familie im Kostüm schwitzen – und der Rest des Stammes hat so getan, als ob er sich darüber nicht im Klaren wäre. Jedoch ist Huizinga zufolge mit der Zeit das Bewusstsein des spielerischen Charakters – und damit auch dieser selbst – abhandengekommen. Als Beispiel stellt er dar, dass die katholische Sonntagsmesse (s)einer Definition von Spielen entspricht – während vermutlich jede:r im Ansatz fundamentalistische:r Christ:in vehement protestieren würde.

Entsprechend ließe sich durchaus das Resümee ziehen, dass Religion (nach den je eigenen Kriterien – Nächstenliebe oder innere Gelassenheit statt Inquisition und Völkermord) authentischer ist, je eher sich die Gläubigen bewusst sind, dass es sich in gewisser Hinsicht um ein Spiel handelt (bzw. je eher sie sich dessen im richten Maß bewusst sind – zu bewusst mag wankelmütige Naturen bewegen, sich eher mit Nietzsche und Konsort:innen abzumühen). Der erwähnte Schlag futuristischer Sakralbauten nun neigt dazu, das Konzept von Kirchen zu abstrahieren, zu verfremden, zu mystifizieren, zu dekonstruieren – um es gerade dadurch zu revitalisieren: man befindet sich in einem brutalistischen Betonmonolithen und muss aktiv – so tun, als ob es eine Kirche wäre (sofern Kirchen überhaupt einer bestimmte Form zu entsprechen haben oder ihr entsprechen können: man mag den ganzen Beton-Kubismus auch als lakonisches Eingeständnis der Unmöglichkeit ansehen, eine „Kirche“ im Sinne der platonischen Idee zu errichten). In anderen Worten: man muss Gläubige:r spielen – moderat glauben – gemäßigt spielen: was dabei hilft, das Spiel samt seiner Leichtigkeit auf Dauer zu erhalten.

Hallgrímskirkja, Reykjavík / Public Domain, Dolf van der Haven via Flickr

Man wage die Vorstellung, spektakuläre Monumentalarchitektur dieser Art, aus demokratischen Gesellschaften, die obendrein Dubais „The Line“ in Sachen Nachhaltigkeit Konkurrenz macht. Dann gerne auch mit sakralem Zweck.

„Gott erschafft keine geraden Linien.“

Dr. Charlie Holloway, Prometheus

Robert Boehm, Leipzig, 31.07.2022. Letzte Revision am 31.07.2022.


Sie sind hin und weg und möchten mir einen Kaffee spendieren? Investieren Sie doch lieber in ein wirklich nützliches Vorhaben wie MERA25 oder den Pleistozän-Park. Infos und Anekdoten zu Letzterem finden Sie HIER GANZ UNTEN.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s